Dokumentationen von Schönheit

Übungen im Urteilen

Die Texte dieser Kategorie sind die Produkte einer bewussten Übung: Schönheit im Chaos des Alltagsbewusstseins zu erkennen. Auch in den unscheinbaren, viel zu flüchtigen, überflüssig oder hässlich wirkenden Dingen. Das ist nicht einfach, aber wahrscheinlich wichtig. Ebenfalls ist dies eine Sammlung liebender (oder wohlwollender) Urteile. Urteile also über Phänomene, die zunächst negativ erscheinen, denen jedoch etwas Gutes, Schönes, Anmutiges abgewonnen werden soll und kann – auch wenn es ein bisschen weh tut, weil sich das Ego dehnen muss. Ich hoffe, diese Texte spenden einen kurzen Moment Freude über Schönheit [oder das, was ich dafür halte].


Schönheit, wenn der Postmann klingelt
Wenn der Postbote klingelt und sagt „Schön Sie zu sehen!“ und „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!“, dann ist das nicht nur sehr einfach, vollkommen unscheinbar, gewöhnlich, alltäglich, unwichtig, unbedeutend [und sicherlich fehlen noch andere Adjektive, die ein im Glauben an Aufregung und Spektakel sozialisiertes Bewusstsein generieren kann] und doch gleichsam, wenn man nur einmal kurz Abstand zu nehmen bereit ist, von allen angestauten Erwartungen an ein gutes, erfülltes und sogleich aufregendes Leben, die sich bei näherem Beschauen ja sowieso als seltsam fantastisch [im Sinne von unrealistisch] herausstellen, und man sich weiterhin auf das Wagnis einlässt, kleine Momente emporzuheben, aus der sagenhaften Geschichte des eigenen Lebens und der Geschichte der Menschheit selbst [wodurch diese unscheinbaren Augenblicke überhaupt erst wahrnehmbar werden], dann gibt es fast nichts Schöneres als zumindest ehrlich erscheinende Freundlichkeit eines anderen Menschen, den man nicht tiefergehend kennt und nur selten [und vielleicht auch gar nicht mehr, angesichts der Postbotenfluktuation aufgrund kapitalistischer Ent-Individualisierungsprozesse] sehen wird. Fast nichts Schöneres. Außer die Bürgermeisterin grüßt. Dann…pure Happiness!


Schönheit im Hirn (oder wie Sabine zurecht anmerkte: im Herz?)
Wenn kurz, nach dem Einatmen, mit einer simplen Idee im Kopf – einer übersimplen, unterkomplexen Idee, die eigentlich nicht wahr sein kann, weil sie das unüberwindbar erfahrbare Konzept von Zeit hinterfragt, indem sie behauptet: „alles ist bereits da“ – irgendwo im Brustkorb, relativ mittig, ein Ziehen auftritt, das das Gegenteil von unangenehm ist, aber sich sonst als ein vages Etwas wahrnehmen lässt und direkt im Anschluss an dieses Ziehen, so etwas wie ein Glücksgefühl entsteht, direkt beim Ausatmen, als würde eine Last abfallen, als würde alles verwirrende, chaotische, missgünstige und traurige dieser Welt den Nasenlöchern und Lungenflügeln und Röhren und Schläuchen des Körpers entweichen, als wäre plötzlich tatsächlich für einen Moment alles da und alles wäre gut und es gäbe nichts, gar nichts, nicht mal ein fucking µ an diesem Zustand auszusetzen, dann ist das schön. Oder vielleicht viel mehr.


Schönheit auf dem Schlafzimmerboden
Wenn die Bäume, bei der Schau aus dem Fenster vom Schlafzimmerboden aus – in einem Winkel von ca. 20 Grad, schräg nach oben, so also, dass nur die Baumwipfel zu sehen sind –, das einzig Sichtbare sind vor einem Hintergrund grauer Wolken – graue Wolken jedoch, die einen hoffnungsvollen Schimmer aufweisen, im Gegensatz zu solchen, die schwer auf die eigene Empfindung herabdrücken, da sie weniger Löcher haben, durch die etwas Helligkeit hindurchscheinen kann –und man selbst aus einem meditativen Zustand erwacht, in dem man etwas von sich spüren konnte, das zwar unklar, aber tief war, und man noch etwas wund von dieser Erfahrung ist und im Denken der Begriff „Frieden“ auftaucht und man sich nicht vom Klischee dieser Situation vereinnahmen lässt, sondern darüber hinwegsehen und sich stattdessen mit dieser Szenerie vereinbaren kann und dann etwas tatsächlichen Frieden verspürt, so ungenau und fremd, wie sich das eben anfühlt, während die Baumwipfel einem kühlen und wilden Wind gehorchen, dann finde ich das schön. Und flüchtig wie so vieles.


Schönheit im fast verwaisten Garten
Wenn ein kleines, im Allgemeinen zappliges, da bewegungsaktives, da entwicklungsbedingt bewegungsaktives Wesen im eigenen Arm verweilt, auf einen verschmutzten Sumpf aus Chlorwasser und Abfällen von Laub- als auch Nadelbäumen zeigend ruft „Eis, Eis!“, während man bemüht ist, aufzuklären, dass es sich lediglich im Winter um eine Vereisung handele, jetzt jedoch um ein aufgetautes Liquides und gleichsam bemüht ist, mit einer fast modrigen Holzplanke eine dem Ertrinken nahe Fliege aus der verschmutzten Versumpfung [die man in gereinigtem Zustand „Pool“ schimpft] zu fischen, was trotz [oder vielleicht sogar wegen] des zappligen Wesens gelingt, die von dicken Tropfen erdrückte Fliege auf der Planke sich schüttelt und zum Trocknen verweilt und man gerade eine gute Tat vollbracht hat, an die sich [vielleicht aufgrund der vielleicht noch nicht ausgereiften Gedächtnisleistung des zappligen Wesens] wahrscheinlich niemand erinnern wird, die fast niemand gesehen hat und von geringer Bedeutung [zumindest würde man wohl so in Bezug auf die menschlichen Angelegenheiten urteilen] und doch zugleich von zentraler Bedeutung [da ein Leben gerettet wurde] ist, dann finde ich das irgendwie schön. Es ist brüchig, es ist flüchtig, es ist vielleicht nie geschehen [da es keine Beweise gibt]. Aber schön.


Schönheit in der Popmusik
Putzlicht von Nils Frevert.


Schönheit an der Ampel
Wenn Sabine, auf deren abgedunkelter VW-Poloheckscheibe keck „Sabines Beautyecke“ in weißen Lettern klebt, so gar nicht nach Beauty aussehen möchte, sondern eher nach 40 Jahren Coffee and Cigarettes and Existenzkampf im Niedriglohnsegment, der tiefe Schützengräben der Demütigung in ihrem Gesicht hinterlassen hat, und im selben Moment, als sie im Polo an der Ampel zu stehen kommt, zwei junge Grazien die Straße überqueren, die ihre naive Schönheit der Jugend im Gesicht spazieren tragen, die immer irgendwie leer wirkt, da noch relativ inhaltslos, aber strahlend beschwingt und diese Sabine lediglich eines kurzen, nicht erwähnenswerten Blickes würdigen, der die Situation melancholisch durchdringt, ebenso wie die Stimme Thom Yorkes im Radio, die singt „im not living, im just killing time“, dann finde ich das schön. Zumindest mit der vagen, eigentlich nicht zu validierenden Gewissheit, dass Sabine weitermachen wird.


Schönheit im ZDF
Wenn sich Andrea „Kiwi“ Kiewels Gesicht zu dem teletubbischen Sonnen-Baby-Freude-Konterfei verzieht und nichts daraus hervorscheint als Baby-Freude-Sonnenstrahlen und gleichsam – interpretativ – etwas dunkle Verzweiflung darin trübend aufsteigt, nur etwas vielleicht, eventuell darüber, glücklich sein zu müssen (weil alles sich zu verselbstständigen in der Lage ist und alles, was man muss, auch Anstrengung erfordert und alles, was Anstrengung erfordert, irgendwann auch kleine Figuren der Unfreiheit gebiert, die schreien und fluchen und getröstet werden wollen) und sich in dieser – interpretativ – vielleicht kurzfristig wahrnehmbaren Verzweiflung auch Menschlichkeit, im Sinne von: „fickt euch, ich bin auch nur ein Mensch!“, ablesen lässt, während die Zuschauer fürchterlich monoton, aber sicherlich auf irgendeine Art und Weise tiefergehend beseelt, zu lästiger Schlagermusik klatschen (die natürlich aus der Konserve stammt, weil Dinge manchmal unecht klingen müssen, damit sie echt sein können) und dies gar nicht stört, sondern ebenfalls Beseelung auslöst, da man sich gewahr wird, dass man nicht alles verstehen können kann und verstehen können muss und es trotzdem eine Existenzberechtigung besitzt, weil es andere verstehen können und andere verstehen können müssen, dann finde ich das schön. Auch, wenn es sich dabei um den ZDF-Fernsehgarten handelt.


Schönheit beim Arzt – I
Wenn man in einem Wartezimmer eines chirurgischen Gemeinschaftsarztgebäudekomplexes sitzt, zusammengepfercht, fleischiger Unterarm an fleischigem Unterarm, mit riesigen Monitoren in Augenhöhe, auch Fernseher genannt (unter Technikern), so nahe, dass man das Gesamtbild nur erahnen kann, das da flimmert (wahrscheinlich um einen Patientenaufstand zu verhindern), und dann ungefähr fünf Mal ein Herr Berger aufgerufen wird und ungefähr fünf mal ein Herr Börger nach vorne zur medizinisch geschulten Assistentin schlürft und er jeden gescheiterten Versuch mit „ach, immer noch nicht ich“ quittiert, in seiner seltsam blauen Seglerhose und seinen unmodernen Mokassins, aber dafür mit einem Gesichtsausdruck absoluter, dahinschmelzender Milde, die sich umgehend ans Herz und ums Gemüt schleicht. Das finde schön.


Schönheit beim Arzt – II
Ist es schön, wenn eine dralle Radiologieassistentin mit fast übertriebener Geschäftigkeit auf ihrem rollenden Bürostuhl durch das Vorzimmer prescht und dabei bestimmend gegen den Schreibtisch rammelt und in dieser Bewegung fast so wirkt – erkennbar an den die Umgebung überprüfenden Augenwinkelblicken – als spiele sie Schau und zwar jemanden, der geschäftig ist, jedoch dabei – in amerikanisch: – „overacted“ wirkt (was so viel bedeutet wie übertaktet), also irgendwie schief in der Darbietung, gerade so, als solle man unbedingt erkennen, wie schnell und konzentriert sich ihr Handeln vollzieht, fast schon aufdringlich? Vielleicht ist das Schöne daran, dass dieses Schauspiel unweigerlich stattfindet – wenn auch in unterschiedlichen Qualitäten mit unterschiedlichen Zielen –, sobald sich zwei Personen im selben Raum befinden und sich einander so erkennen wollen, bzw. so erkannt werden wollen, wie sie es sich wünschen, wie sie sich ein optimales Erkennen vorstellen, ein Schauspiel, wie es sich in jeder sozialen Sekunde unserer Zeitrechnung gestaltet und wie es sich irritierend und ungenau murmelnd und beklemmend, beschämend und aufregend als auch manchmal befreiend durch das kollektive Leben zieht, im Ringen um die eigene und damit um die Anerkennung auch des anderen. Wenn das nicht schön ist?


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