Dokumentationen von Schönheit

Übungen im Urteilen

Die Texte dieser Kategorie sind die Produkte einer bewussten Übung: Schönheit im Chaos des Alltagsbewusstseins zu erkennen. Auch in den unscheinbaren, viel zu flüchtigen, überflüssig oder hässlich wirkenden Dingen. Das ist nicht einfach, aber wahrscheinlich wichtig. Ebenfalls ist dies eine Sammlung liebender (oder wohlwollender) Urteile. Urteile also über Phänomene, die zunächst negativ erscheinen, denen jedoch etwas Gutes, Schönes, Anmutiges abgewonnen werden soll und kann – auch wenn es ein bisschen weh tut, weil sich das Ego dehnen muss. Ich hoffe, diese Texte spenden einen kurzen Moment Freude über Schönheit [oder das, was ich dafür halte].


Schönheit an der Ampel
Wenn Sabine, auf deren abgedunkelter VW-Poloheckscheibe keck „Sabines Beautyecke“ in weißen Lettern klebt, so gar nicht nach Beauty aussehen möchte, sondern eher nach 40 Jahren Coffee and Cigarettes and Existenzkampf im Niedriglohnsegment, der tiefe Schützengräben der Demütigung in ihrem Gesicht hinterlassen hat, und im selben Moment, als sie im Polo an der Ampel zu stehen kommt, zwei junge Grazien die Straße überqueren, die ihre naive Schönheit der Jugend im Gesicht spazieren tragen, die immer irgendwie leer wirkt, da noch relativ inhaltslos, aber strahlend beschwingt und diese Sabine lediglich eines kurzen, nicht erwähnenswerten Blickes würdigen, der die Situation melancholisch durchdringt, ebenso wie die Stimme Thom Yorkes im Radio, die singt „im not living, im just killing time“, dann finde ich das schön. Zumindest mit der vagen, eigentlich nicht zu validierenden Gewissheit, dass Sabine weitermachen wird.


Schönheit im ZDF
Wenn sich Andrea „Kiwi“ Kiewels Gesicht zu dem teletubbischen Sonnen-Baby-Freude-Konterfei verzieht und nichts daraus hervorscheint als Baby-Freude-Sonnenstrahlen und gleichsam – interpretativ – etwas dunkle Verzweiflung darin trübend aufsteigt, nur etwas vielleicht, eventuell darüber, glücklich sein zu müssen (weil alles sich zu verselbstständigen in der Lage ist und alles, was man muss, auch Anstrengung erfordert und alles, was Anstrengung erfordert, irgendwann auch kleine Figuren der Unfreiheit gebiert, die schreien und fluchen und getröstet werden wollen) und sich in dieser – interpretativ – vielleicht kurzfristig wahrnehmbaren Verzweiflung auch Menschlichkeit, im Sinne von: „fickt euch, ich bin auch nur ein Mensch!“, ablesen lässt, während die Zuschauer fürchterlich monoton, aber sicherlich auf irgendeine Art und Weise tiefergehend beseelt, zu lästiger Schlagermusik klatschen (die natürlich aus der Konserve stammt, weil Dinge manchmal unecht klingen müssen, damit sie echt sein können) und dies gar nicht stört, sondern ebenfalls Beseelung auslöst, da man sich gewahr wird, dass man nicht alles verstehen können kann und verstehen können muss und es trotzdem eine Existenzberechtigung besitzt, weil es andere verstehen können und andere verstehen können müssen, dann finde ich das schön. Auch, wenn es sich dabei um den ZDF-Fernsehgarten handelt.


Schönheit beim Arzt – I
Wenn man in einem Wartezimmer eines chirurgischen Gemeinschaftsarztgebäudekomplexes sitzt, zusammengepfercht, fleischiger Unterarm an fleischigem Unterarm, mit riesigen Monitoren in Augenhöhe, auch Fernseher genannt (unter Technikern), so nahe, dass man das Gesamtbild nur erahnen kann, das da flimmert (wahrscheinlich um einen Patientenaufstand zu verhindern), und dann ungefähr fünf Mal ein Herr Berger aufgerufen wird und ungefähr fünf mal ein Herr Börger nach vorne zur medizinisch geschulten Assistentin schlürft und er jeden gescheiterten Versuch mit „ach, immer noch nicht ich“ quittiert, in seiner seltsam blauen Seglerhose und seinen unmodernen Mokassins, aber dafür mit einem Gesichtsausdruck absoluter, dahinschmelzender Milde, die sich umgehend ans Herz und ums Gemüt schleicht. Das finde schön.


Schönheit beim Arzt – II
Ist es schön, wenn eine dralle Radiologieassistentin mit fast übertriebener Geschäftigkeit auf ihrem rollenden Bürostuhl durch das Vorzimmer prescht und dabei bestimmend gegen den Schreibtisch rammelt und in dieser Bewegung fast so wirkt – erkennbar an den die Umgebung überprüfenden Augenwinkelblicken – als spiele sie Schau und zwar jemanden, der geschäftig ist, jedoch dabei – in amerikanisch: – „overacted“ wirkt (was so viel bedeutet wie übertaktet), also irgendwie schief in der Darbietung, gerade so, als solle man unbedingt erkennen, wie schnell und konzentriert sich ihr Handeln vollzieht, fast schon aufdringlich? Vielleicht ist das Schöne daran, dass dieses Schauspiel unweigerlich stattfindet – wenn auch in unterschiedlichen Qualitäten mit unterschiedlichen Zielen –, sobald sich zwei Personen im selben Raum befinden und sich einander so erkennen wollen, bzw. so erkannt werden wollen, wie sie es sich wünschen, wie sie sich ein optimales Erkennen vorstellen, ein Schauspiel, wie es sich in jeder sozialen Sekunde unserer Zeitrechnung gestaltet und wie es sich irritierend und ungenau murmelnd und beklemmend, beschämend und aufregend als auch manchmal befreiend durch das kollektive Leben zieht, im Ringen um die eigene und damit um die Anerkennung auch des anderen. Wenn das nicht schön ist?


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