Rüggel

Lesedauer: ca. 15 Min.

Hinten auf dem Sofa, im Wohnzimmer, hat er immer gesessen, dort wo man noch eine Delle im Leder sieht. Da gibt’s doch dieses Wort…Kartoffel…ja, Couchkartoffel, das war der Rüggel, ne richtige Couchkartoffel und immer da hinten in der Ecke. Und da hat er dann geglotzt, hat sich alles angeglotzt, mit diesem Gesichtsausdruck, naja, so seltsam lieb irgendwie, kann man glaub ich so sagen, so, so lieb, aber nicht wirklich lieb, also eben nich so, dass man denkt, och, das ist einfach eine sympathische Person, sondern irgendwie gespielt, also unecht einfach. Rüggel. Ich mein da gabs noch ganz andere Kaliber in der Wohngruppe, hoho, wenn ich bloß dran denke, was da manchmal abging. Weißt du, jeden Tag, wirklich jeden einzelnen Tag, habe ich von irgendeinem der Bewohner gehört, dass er hier weg will. Du weißt ja, da sind auch einige straffällige Behinderte dabei, also nochmal was Besonderes, also hier, die haben geklaut und Körperverletzung war auch mal dabei und Betrug, also halt Zeug im Internet bestellt und nich bezahlt zum Beispiel. Der Andere, ja, der Heimel, haha, der hat ein Youtube-Video davon gemacht, wie er eine unbewohnte Waldhütte abgefackelt hat, musst du dir mal überlegen. Da is es für die Polizei nicht sonderlich schwer, den Täter zu finden, oder? Also solche Leute sind da halt drin. Dann die Bauer, du weißt ja, die Dicke, von der ich dir erzählt hab, die ständig rumbrüllt, jeden beleidigt und Streit anfängt. Und dann die Schönheim, die kann ja gar nicht sprechen, weißte, aber selbst die hat noch irgendwie Feuer, also die schreit auch mal und lässt sich nicht alles gefallen, aber der Rüggel, der war so, ja, devot muss man schon fast sagen, der hat alles mit sich machen lassen und hat immer nur gegrinst, naja.

Ist aber auch seltsam, jetzt wo er nicht mehr da ist. Weniger zu tun auf jeden Fall, gefühlt, aber da wird schon gleich nachbelegt, die lassen uns nicht durchatmen, da sind die richtig schnell vom begleitendenden Dienst, aber wenn du sonst was brauchst, da musst du Glück haben, dass die mal in ihren Büros sind. Hm, der Rüggel ja, so viel Arbeit hat er eigentlich gar nicht gemacht, du, ich weiß auch gar nicht, warum ich dir so viel über ihn erzähle. Sein Zimmer hat der wirklich absolut in Ordnung gehalten. Absolut, da gabs nix! Abends wenn wir zur Kontrolle gekommen sind, da stand er immer schon an der Tür, fast als ob er Haltung angenommen hatte, also der stand fast stramm da, hat mich immer ans Militär erinnert, dann aber mit einem fetten Grinsen im Gesicht, also so gar nicht soldatisch. „Ja, Martin, ja, Martin“, hat er immer gesagt und dann hat er gezeigt, was er alles aufgeräumt hatte, den Mülleimer hat er immer vorgeholt und da lag der komplette Müll drin, zusammengefaltet, das musst du dir mal vorstellen, jedes kleine Papier einzeln zusammengelegt, ich hab mich immer gefragt, wie viel Aufwand der da reingesteckt hat, Wahnsinn! Irgendwann haben wir angefangen uns Gummihandschuhe anzuziehen und damit seine Möbel abzutasten, ob die auch sauber waren, die hat er uns dann immer schon hingelegt, die Handschuhe, und ich sags dir, als ich mit dem Finger über die Möbel ging, da hat der ganz flach geatmet, so „fffffffffffffff“, also ob ihn das erregt. Ich sags dir! Das wollte mir immer keiner glauben, aber so wars, ich schwörs! Naja und dann haben wir alle Schubladen durchgeschaut, wie bei den anderen Bewohnern auch, ob das alles ordentlich ist oder ob vielleicht auch irgendwas aus der Küche geklaut wurde, Schokoriegel oder sowas, oder zum Beispiel, auch scharf, der Heimel, der hat mal ne ganze Palette Milch in seinem Bett versteckt und gedacht, wir merken es nicht, krass oder? Also da is so ne kriminelle Energie dahinter, das is Wahnsinn. Zum Glück sind die dann aber nicht so schlau, wie se gern wären, also ja, ne ganze Palette im Bett, weißte, ne Waldhütte abfackeln und Video davon machen, haha, da fehlt dann doch n bisschen was hier oben. Aber beim Rüggel, da war nie irgendwas zu finden, was dort nicht hingehört hat. Warte, doch! Ich erinner mich, einmal, da hat er einen Löffel auf dem Schreibtisch liegen gehabt, weil er ausnahmsweise seinen Joghurt im Zimmer essen durfte, das erlauben wir denen, die sich gut benehmen ab und an, da wäre der fast ausgeflippt. Der hat an mir gehangen, der hat sich richtig festgekrallt und sich entschuldigt und irgendwann fing er an zu weinen. Wegen nichts, wegen so einer Kleinigkeit! Ich hab mich immer gefragt, was das sollte. Wieso war ihm das so wichtig, unsere Meinung. Er wollte gelobt werden, die ganze Zeit, irgendwie dafür, dass er das gemacht hat, was wir ihm gesagt haben. Also der wollte da irgendwie Anerkennung dafür, dass er so super regeltreu war. Das hab ich nie verstanden. Also grade wenn Beate ihn rumkommandiert hat, du weißt ja, die hat manchmal einen Ton drauf, da vergeht dir alles und wenns sein muss, wird die auch mal handgreiflich. Der Bauer hat die mal so eine Backpfeife gegeben, da hab ich gedacht, der fliegt das Gesicht weg. Ich glaub dem Rüggel hat sie auch mal eine verpasst, der hat schon immer so seltsam gezuckt, wenn sie in seine Nähe kam. Naja, jedenfalls von der Beate hat er sich rumschubsen lassen ohne Ende. Ich hätte das nicht mitgemacht, also ich wäre da bestimmt irgendwann ausgetickt und wär auf sie losgegangen, aber der Rüggel, auf mich hat es gewirkt, ich sags dir, als ob ihm das gefällt, als ob der irgendwie sogar drauf steht, sich fertig machen zu lassen, weißt du, so in die Sado-Maso-Richtung. Is ne krasse Vorstellung, Beate die Domina vom Rüggel, haha, is komisch irgendwie.

Naja, aber jetzt wo er weg ist…irgendwie bin ich auch froh drüber. Also weißt du, klar, der hat wenig Arbeit gemacht und sein Fetisch da mit der Unterwerfung, der war ja auch witzig irgendwie, also da konnte man schon seinen Spaß mit haben, aber irgendwie, also ich weiß nicht, was es war, vielleicht ja dieses Unterwürfige, irgendwie konnte ich den nicht mehr sehen, nach ner Zeit. Ich weiß jetzt echt nich so recht, warum ich dir das erzähle, aber wenn du sowieso Zeit hast? Ich konnte irgendwann sein Gesicht nicht mehr ertragen, dieses Grinsen, das er spazieren trug, was ja eigentlich gar nichts Sanftes war, sondern, der wollte ja nur gefallen, das war gespielt, auf jeden Fall. Und immer dieses gekeuchte „Martin, Martin“. Und dann dieser Gang, dieses Schlurfen mit hängendem Kopf und dieses Händewedeln, wenn er uns gesehen hat, angeblich vor Freude, dass er uns sieht, aber der kann sich gar nicht immer gefreut haben, schon gar nicht, wenn Beate da war, also war das auch wieder bloß gespielt, also, ich meine, dem musste doch mal jemand in den Arsch treten, oder? Ich sag dir, der war ja mit allem Einverstanden. Manchmal müssen wir Ausgangssperren verhängen, ich mein, du weißt, bei unserem Klientel ist das ja mehr als angebracht. Die drehen sonst komplett durch. Na und dann sperren wir die Türen eben manchmal zu, das is ja alles abgeklärt, also so inoffiziell mit dem begleitenden Dienst und die [beliebig austauschbare Leitungsperson] weiß auch Bescheid, is ja klar, ich glaub die weiß über alles Bescheid, was da so abgeht, also ich mein, du weißt, die is da ja n bissl zwanghaft, naja. Jedenfalls, selbst, wenn wir mal die Türen zusperren, du kannst dich drauf verlassen, dass der Rüggel dasteht und grinst und seinen verkrüppelten kleinen Daumen hochhält. Ich sag dir, das is auf Dauer so ermüdend. Ich mein, dem muss man doch mal den Kopf zurechtrücken, oder? Sonst kapiert der doch nicht, dass er sich total unterwirft und sich da lächerlich macht. Der kapiert das doch nicht, oder? Also die andern Bewohner haben das ziemlich schnell gerafft, dass der Rüggel so ein Schleimer ist. Also haben sie ihm mal, das ist schon länger her, nen kleinen Besuch abgestattet. Hatte Beate mal erzählt, eigentlich ne krasse Geschichte, also pass auf: Die Beate hatte Spätdienst und sie hat da den Langmann, der is ja nich mehr da, der hatte ja die schlimmen Geschichten mit Vergewaltigung am Hut, ich glaube, der ist jetzt in der Forensik, und den Sveni, den alten Rocker, hat auch schon gewechselt, das mit seiner Epilepsie is ja immer schlimmer geworden, aber ich erinnere mich dran, wie der immer durch die Wohngruppe gerockt ist, hier mit Headbangen und so weiter und dann plötzlich nen Anfall hatte und dann da fast im Takt zur Rockmusik rumgezappelt ist, haha, du ich erzähl das nur, weil er auch so locker damit umgegangen ist, der hat immer gesagt: „Oh, jetzt hab ich zu hart gebangt“ und gelacht und so, deswegen erzähl ich das, also ich will mich nich über den Sveni lustig machen, das war echt n guter, weißte? Naja, ich schweif ab, also Beate hatte Spätdienst und da hat die die beiden irgendwie in der Küche quatschen gehört, nach zehn Uhr, also als alle schon im Bett waren und die beiden hätten eigentlich auch im Bett sein sollen, die zwei Holzköpfe, naja. Das is ja immer so schön, wie schon erwähnt, die glauben ja immer, die hecken richtig tolle Pläne aus, aber dann stellen die sich in die Küche und quatschen in normaler Lautstärke darüber, wie sie dem Rüggel eins auswischen wollen, also das is halt einfach, ja, süß vielleicht schon, aber da sieht man halt die Unterschiede, gell? Also die stehen da so in der Küche und quatschen so ihr übliches blödes Zeug also sowas wie „dem hauen wir aufs Maul“, „ja, den machen wir fertig“, „den ficken wir so richtig“, sowas eben, ja und auf einmal steht dann Beate in der Tür und die beiden sind wie versteinert, denen fielen die Kinnladen runter, hat sie erzählt, und das kann ich mir so richtig vorstellen, wie die wieder frustriert waren, dass ihr „genialer Plan“ nich aufgegangen ist. Na und dann hat sich die Beate gedacht „so, jetzt fordere ich die beiden mal heraus“, also die wollte die beiden mal n bissl anstacheln und sehen, wie weit die gehen würden. Also hat sie denen gesagt, die sollen mal machen, also als pädagogische Maßnahme, verstehste, also die sollen ihren kleinen Plan doch mal umsetzen. Und die beiden waren natürlich erstmal verdutzt, also da gingen die Kinnladen noch weiter runter, meinte Beate, und dann haben die erstmal versucht sich rauszureden, „na, das war doch nur Witz“, „wollten wir doch gar nich machen, war doch nur Spaß“, und so weiter und Beate musste dann erstmal zehn Minuten mit denen diskutieren, bevor die dann überhaupt mal in die Gänge gekommen sind. Ne, das ist jetzt keine typische pädagogische Methode, es ist halt kreativ, verstehste? Die [beliebig austauschbare Leitungsperson] betont ja immer, dass wir kreativ sein sollen, hehe, also das war schon auf jeden Fall ne kreative Nummer und hatte aber auch nen Lerneffekt, also komm ich noch drauf. Die gehen dann also, nachdem Beate die erstmal bequatscht hat, zu Rüggels Zimmer, wahrscheinlich mit den Hosen gestrichen voll, weil die ihr blödes Gequatsche jetzt auch mal machen müssen, nich immer nur labern, und da sieht man es halt auch wieder: die wären, wenn die Beate nicht aufgepasst hätte, halt so laut durch den Flur gelatscht und hätten sich ganz normal unterhalten und alles, Mann oh Mann. Ja und dann gehen die da so rein ins Zimmer und der Rüggel schläft selig, so der Schlaf der Gerechten oder so, na und Beate muss die beiden noch weiter animieren, bevor die mal in die Puschen kommen und dann hat Beate erstmal zugeguckt, was die denn überhaupt so vorhaben und naja, also der Langmann, sonst immer voll die harte Sau – nach eigenen Aussagen – is halt total verschüchtert und der schleicht dann so rüber zum Bett und weiß erstmal nich weiter, bis dann der Sveni die Initiative übernimmt und die Decke erstmal auf den Rüggel draufdrückt, also erst so lasch, meinte Beate und dann halt n bisschen fester, nachdem der Rüggel halt aufgewacht ist und anfängt zu zappeln. Ne, das is erstmal nich schlimm, also klar, schon irgendwie, aber Beate war ja dabei, also das war schon noch im Rahmen, das Ganze. Naja, der Rüggel wacht auf und weißte was? Der schreit nich mal. Keinen Pieps. Total krass, der schreit einfach nich, der liegt da nur mit weit aufgerissenen Augen und zappelt zunächst und dann liegt der plötzlich ganz ruhig da, echt abgefahren. Die Beate war auch total erstaunt, die hat sich auch gedacht: was geht da ab? Naja, und dann hängen der Langmann und der Sveni da so aufm Rüggel und drücken den ins Bett und dann gucken die Beate an, nach dem Motto: „was sollen wir denn jetzt machen?“, weil sie nich weiter wissen und bis dann die Beate sowas sagt wie: „na, ihr starken Typen, jetzt habt ihr bewiesen, wie hart ihr seid. Und das bringts jetzt? Das befriedigt euch? So wollt ihr mit Konflikten umgehen?“ Also die hat das echt gut hinbekommen, dass die beiden da noch was draus lernen und die sind dann erstmal still und lassen ihre kleinen Holzköpfchen hängen. Was, ob das nicht zu krasse war?Naja, also ich würd sagen, ja und nein. Also von außen wirkt das sicherlich so, aber das hat schon alles seine Richtigkeit, das is in dem Beruf manchmal so, dass man auch n paar krassere Maßnahmen ergreifen muss. Ich meine, wenn man den ganzen Tag so eng mit den Leuten zusammen ist, da passiert sowas halt, also da sind halt dann auch mal so „ungewöhnliche Methoden“, nenn ichs mal, notwendig, also vor allem, wenn man mit Behinderten zu tun hat, die lernen ja auch ganz anders. Also da heißts ja auch immer: nich so viel drüber reden, sondern lieber zeigen, weil so viel Sprache können die gar nicht aufnehmen und dann muss man die mehr so Dinge erleben lassen, damit die auch was lernen weißte, aber ja, is halt ne härtere Nummer, also vielleicht auch n bissl übers Ziel hinausgeschossen, is naja, so is Beate halt auch eben, die macht dann mal solche Dinger, aber is ja auch gut, weil seitdem haben die den Rüggel in Ruhe gelassen, also da kam dann nichts mehr. Das hatte mich ja immer gewundert, dass der von den Andern wegen seiner Schleimerei da nich angegangen wird, aber nachdem die Beate das erzählt hat, hab ich mir gedacht, jo, da haben die echt was gelernt. Wie es dem Rüggel danach ging? Na, wie immer. Also dem Sveni ist da später auch mal kurz die Hand ausgerutscht, an dem Abend, also der Rüggel hatte am nächsten Tag ne ziemliche Schramme im Gesicht, aber der war freundlich und begeistert wie immer, als ob da nix gewesen wär. Und währenddessen, wie gesagt, der lag ja ganz ruhig im Bett. Ich denk ja immer noch, dass ihm so Zeug ja irgendwie gefallen hat, aber ja, das kann ich natürlich nicht beweisen oder so. Is eher so ne Ahnung weißt du, so ne Ahnung wie man die auch hat, bei jemandem der schwul ist, weißte was ich meine, da spürt man das irgendwie, dass der vom anderen Ufer kommt und beim Rüggel hab ich das auch immer so n bisschen gespürt, dass der auf Demütigung irgendwie abfährt, aber ja, naja.

Jetzt reden wir ja schon ewig über den Rüggel, ey is ja krass. Is auch n krasser Typ und ja ich dachte, den müsste man mal wachrütteln. Also ich persönlich hab ja auch ne zwiespältige Beziehung zu dem gehabt, also wie gesagt, der hat total wenig Aufwand gemacht, aber halt das Devote, ja, das war so nervig. Ich hab dann selbst n bisschen experimentiert, wie man den reizen kann, weil ich mir dachte, den muss man doch wachrütteln, das geht doch so nicht. Also das is ja auch mein Auftrag als Erzieher, dass die Leute da ein bisschen Selbstbewusstsein kriegen und nich so in ihrer Komfortzone bleiben und dass die sich halt weiterentwickeln. Also hab ich erstmal so n paar Sprüche fallen lassen und so Andeutungen halt immer, nur um ma zu sehen, wie der so reagiert, also wenn er was gemacht hat, egal was, z.B. so den Tisch gedeckt hat, dann hab ich bspw. gesagt „also das ist nicht ordentlich, das musst du schon noch ein bisschen besser hinkriegen“ oder wenn er auf der Couch gesessen hat und so rausgeguckt hat, das hat er sehr oft gemacht, eigentlich täglich, da war er immer total abwesend, dann hab ich so im Vorbeigehen immer so n bisschen geschnauft und gestöhnt weißte, also so in dem Sinne, das mich jetzt etwas echt stören würde. Aber der Rüggel, der war da total unsensibel, also der hat gar nicht drauf reagiert, immer nur gegrinst. Also musste ich mir was Neues einfallen lassen, also hab ich dann mal einen Abend lang, als ich alleine im Dienst war, immer zu ihm gesagt „das reicht nicht, das ist nicht gut genug“, bei allem, was er gemacht hat, also beim Küchendienst, beim Putzen, auch einfach beim Sitzen und Fernsehgucken und an dem Abend war ich auch bei seiner Waschroutine anwesend, also ich bin dem richtig auf die Pelle gegangen und immer wieder hab ich ihm gesagt „das ist nicht gut, das musst du besser machen“. Zuerst hat er gar nicht reagiert, dann nach ungefähr ner Stunden oder so hat er dann angefangen zu grinsen, wenn ich ihn korrigiert habe, also zumindest ist da was passiert, aber auch nich viel. Später dann, ich denke so nach zwei, drei Stunden vielleicht, hat er sich sogar mal die Mühe gemacht, zu antworten: „Ok, Martin, ok, tut mir leid“, immer wieder derselbe Satz. Also ich war ja stark der Überzeugung, dass der Versuch da notwendig war, aber bei der Reaktion, da hab ich echt dran gezweifelt, ob ich das noch weiter machen will, weil das so nervig war, wirklich ständig derselbe Satz. Naja, der gewünschte Effekt is nich eingetreten, der hat sich einfach nicht dagegen gewehrt. Also der hat das auch alles über sich ergehen lassen und am Ende war nix, also echt gar nix, also das war richtig enttäuschend.

Also bin ich in der Nacht nochmal zu ihm ins Zimmer, jetzt wird’s ein bisschen heftig ok, also das muss unter uns bleiben, ja? Jetzt vor allem nachdem der Rüggel weg ist, ich will nich, dass da irgendwelche Gerüchte aufkommen. Also klar, ich hab mir manchmal echt gedacht, dem muss man mal so richtig eine verpassen, vielleicht hilft das dann ja was, also vielleicht ist das ja auch wirklich das einzige, das hilft. Also so richtig schön eine ins Gesicht, in dieses ständig grinsende Gesicht, also vielleicht, ja wirklich, musste der mal so richtig aufgemischt werden, damit der nicht mehr so verdammt devot ist, ich mein, alles andere hat ja nicht geholfen, oder? Vielleicht musste der nur mal richtig gegen die Wand gedrückt werden und angeschrien werden und dann würde da vielleicht mal der Knoten platzen, also vielleicht hätte man den einfach in seinem Bett mit der Decke so fest reindrücken müssen, dass der mit seinen Armen wedelt, so hilflos, und vielleicht endlich mal schreit, weißt du, endlich mal schreit, vielleicht hätte man den dazu bringen müssen, damit endlich mal was mit dem passiert, dass der nicht ständig nur in der Ecke rumhängt und so grinst und so schleimt, vielleicht hätte man dem die Luft mal abdrücken sollen, mal so für ein paar Sekunden oder länger, bis dem dann endlich n Licht aufgeht, dass das Leben nicht einfach bedeutet, alles mitzumachen und zu grinsen, sondern sich auch mal zu wehren, mal zu kämpfen und dass man auch was aushalten muss und dass man…ach…ich weiß doch auch nicht, weißte, also mit dem musste man doch mal was machen, verstehste?

Was? Ich soll nix mehr sagen? Was ist denn mit dir los? So ein Quatsch, ich hab doch gesagt, jetzt komm nicht auf so blöde Gedanken, ich hab doch gesagt, dass das jetzt n bisschen heftig wird, jetzt dreh halt nicht durch! Und außerdem: ich hab das doch gar nicht gemacht, also ich dachte, das hätte man mal machen müssen, vielleicht hätte das ja was gebracht, verstehste? Ich hatte kein Problem mit dem und gehasst hab ich den schon gar nicht, das war doch mein Bezugsbetreuter, ich war dem doch nahe und wollte doch nur, dass der sich weiterentwickelt weißt du? Verstehste das nich? Mordphantasien, sag mal geht’s noch? Wovon redest du denn jetzt? Du hast doch keine Ahnung, du arbeitest doch gar nicht in dem Bereich. Also das is doch nix Ungewöhnliches, dass man sowas über seine Klienten denkt, also du solltest die andern Kollegen mal hören. Jetzt setz dich doch mal wieder! Hallo? Also jetzt weiß ich auch nicht, ich hab den doch auch gemocht, ich meine, wir waren doch trotzdem eng miteinander, also ich hab den doch auch irgendwie geliebt, also weißt du, jetzt nich so, aber halt irgendwie so, wie man eben jemanden liebt, den man betreut. Ich meine der Rüggel, der war doch auch…ach, hör mir doch zu! Ich wollte doch, dass der sich einfach n bisschen öffnet, auch mir gegenüber, dass der nicht immer so, mit so einer gleichmütigen Fassade rumläuft, dass man da mal rankommt. Ich kannte den doch gar nicht richtig, den Rüggel, aber ich wollte den doch kennenlernen, ich wollte doch mal wissen, wie der wirklich ist, darum geht’s doch! Darum geht’s doch…

Entstehungsgesichte: Zur Form des Textes wurde ich inspiriert, als ich den fabulösen David Foster Wallace las (Kurze Interviews mit fiesen Männern – grandioses Buch) und erstaunt darüber war, wie man Gedanken – gar fiese – derart greifbar und erschütternd darstellen kann, indem man das literarische Ich (ganz simpel, beeindruckend einfach) einen Monolog in Dialogform halten lässt. Das literarische Ich in diesem Text ist natürlich fiktiv. Gleichsam steht dieses stellvertretend für das Denken und Handeln in totalen Institutionen. Dieses erzählende Ich ist sozusagen die Essenz der vielen Stunden, die ich in Teamsitzungen mit dem lauschen von Beschwerden über und Beurteilungen (die zumeist Abwertungen waren) von Menschen mit Beeinträchtigung verbrachte. Mit diesem Text möchte ich die Auswüchse und Abgründe des paternalistischen Denkens, das in diesen Einrichtungen – meiner Erfahrung nach – vorherrschend ist, aufzeigen und wohin dieses führen kann, wenn es nicht reflektiert, nicht gestoppt wird. Ich habe diesen konkreten Fall nicht erlebt. Er ist jedoch (man bedenke nur die Wallraff-Reportage aus dem Jahr 2017 – hier der Link dazu: https://www.rtl.de/cms/team-wallraff-diese-zustaende-koennen-in-einrichtungen-fuer-menschen-mit-behinderungen-entstehen-4088154.html) im Rahmen von totalen Institutionen absolut denkbar.

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