Marlowski

Lesedauer: ca. 12 Min.

Wenn man über Marlowski sprechen wollte, dann war das schwierig. Er war ein unwirklicher Kerl, ein Wandler, ein Nebulös, ein Ruf, der ihm vorauseilte. Über Marlowski existierten extreme Ansichten, die ihn zu einem Mythos, zu einer Legende machten, des Fremden, fast Fürchterlichen. Gleichsam war er ein Schätzchen, ein Keks, zum Anbeißen, im selben zeitlichen und räumlichen Kontext, in dem Marlowskis Unwesen entstand, schien gleichsam ein barmherziges Licht auf ihn und offenbarte, neben der dunklen, von Mangel gezeichneten Gesichtshälfte, das Helle, fast bezaubernde Antlitz eines Engelchens. Marlowski war personale Zwiespalt, eines dieser Mysterien, die man als selten vermutet, die in der [INST][1] jedoch keine Seltenheit sind. Er war gespalten in dem Blick, der auf ihn fiel, wie viele andere in seiner unmittelbaren Umgebung. Marlowski war verdoppelte Wirklichkeit, Held und Bösewicht zugleich, verwaschen in Ying und Yang. Dazwischen, darüber, unumwunden, verflochten, Marlowskis Schicksal: Unhörbar zu sein, außerhalb der Mauern, die ihn umgaben. Mauern, die sich um ihn errichtet hatten, nicht bezwingbar, da unsichtbar, in ihrer Mannstopwirkung (sie hielten alles auf), echten Mauern gleich. Perfider als das Offensichtliche, schafft das Verdeckte, nicht Wahrnehmbare, stets die Illusion von Freiheit. Es umschlingt, wird manifest nur, wenn man es überwinden will. Diese Mauern waren aus Konvention gemacht und deshalb so durchsichtig. Jeder wusste von ihnen, jeder half bei ihrer Errichtung mit. Sie waren angeblich notwendig, um den Rest der Menschheit zu schützen. Und sie machten die Insassen still.  

Marlowski war stumm nach draußen, doch innerhalb der Mauern, da schrie er. Marlowskis Stimme war Lärm, konstanter Groll. Er war der Orkan im Wasserglas, gefürchtet innerhalb der Mauern, die ihn zu halten versuchten. Ihn anzuhören, zu akzeptieren, das wusste man, war ein Fehler. Die ihn Umgebenden „wussten“, dass Zuhören nur verstärkte, was Marlowski nicht ertragbar machte:

  • M. ist verbal aggressiv, wenn er nach etwas verlangt, das er nicht haben kann
  • M. uriniert an Hauswände
  • M. kennt keine Grenzen, ist im Allgemeinen nicht zu lenken
  • M. legt ein übermäßiges Suchtverhalten an den Tag (Tabak, Cola, Chips)
  • M. hält sich nicht an Regeln (raucht bspw. in seinem Zimmer)
  • M. ist schnell erregbar und wird dann verbal ausfällig
  • M. onaniert im Wohnzimmer und lässt überall die vollgewichsten Taschentücher rumliegen

Marlowksis Leben war Schandfleck, ein beständiges Fehlen. Aber doch, natürlich, liebevoll, erhaltens-, schützens-, pflegenswert. Marlowskis Leben war unmöglich: zerrissen gedacht, anders beschrieben als gefühlt, anders behandelt als gewünscht.

Was die ihn Umgebenden selbst umgab, war ein Phänomen des Hin- und Her, ein Widerspruch und zugleich eine tiefe Furcht, die den Geist ergriff. Das Dickicht, so konnte man es nennen, war feinkörnig, verzwickt, schrumpfend und trotzdem unendlich in der Ausdehnung. Im großen Vielleicht, das zwischen Marlowski und den ihn Umgebenden lag, war er ein Ungebändigter. Er schluckte Chemie, die nicht zu Gehorsam wurde, stattdessen die Grenzen ihrer Allmacht offenbarte. Wissenschaft wurde lächerlich, zu einer Farce und ohne das Dickicht hätten sie ihn schon lange verloren.

Sehr geehrter Herr Dr. Koppel,

es ist fraglich, ob Herrn Marlowskis Medikation noch angemessen ist. In Hochphasen psychischer Erregung scheinen die Medis nicht anzuschlagen. An ruhigen Tagen schläft Herr M. nachmittags ein und ist nicht mehr zu wecken. Jegliche Versuche schlagen fehl. Ist es vielleicht sinnvoll, ihn erneut in eine Klinik einzuweisen, um nähergehendes zu überprüfen?

Mit freundlichen Grüßen
Die ihn Umgebenden

Das Dickicht musste helfen und wandelte sich, waberte in seltsamen Symbolen herum und versuchte zeitgleich – wenn auch widersprüchlich – zu offenbaren, was hinter dem Sichtbaren lag, deutete auf Marlowskis wahre Natur, zumindest, was man dafür halten sollte. Es flüsterte den ihn Umgebenden zu, beschwor Ideen, unter anderem, dass Marlowski wildgeboren war, ein Mustang vielleicht oder ein Löwe? Den Umgebenden fielen Metaphern wie „Raubtier“ ein, sie dachten ihn in Reiz-Reaktion, sahen in ihm einen Wiedergänger des Pawlowschen Hundes, sahen ihn aus einem anderen Reich entsprungen, zwischen Dschungel und Savanne. Marlowski war der Tiger im Käfig, mit blitzenden, gefährlichen Augen, auf und ab streifend, tödlich und dabei irgendwie elegant. Er war ein reines Bedürfniswesen, durch nichts anderes getrieben als den Trieb selbst und in diesem gnadenlos, unbarmherzig. Zumindest darin war er berechenbar. Seine Familie wurde im Dickicht zu Zoowärtern, die seine Bedürfnisse viel zu schnell und anstandslos befriedigten. Seine Besuche dort – so das Dickicht – waren nichts weiter als Finanzakquise. Sucht war Marlowskis Lebenswelt, in Qualm und Koffein und Fett. Das Dickicht und dessen Behauptungen, die aufstieben, machten Marlowski gefährlich, aber nahbar für die ihn Umgebenden, es war ein Instrument, das man bedienen zu können sich erhoffte. Das Dickicht machte ihn exotisch und vielleicht war die Welt, die ihn umgab, einem Zoo nicht unähnlich, vielleicht waren Käfig und Fütterungszeiten notwendige Griffe, um ihm zu helfen. Die Wahrheit schien im Tierischen zu liegen. Trägt ein Löwe etwa Verantwortung dafür, wenn er reißt, wenn er schlingt, wenn er tötet? Kontrollierbar ist ein Löwe nur hinter Gittern. Unsichtbare Mauern. Das Dickicht wurde allen Beteiligten gefährlich. Denn es machte Sinn.

Kennzeichnend für Herrn M. sind stereotypes, bizarres Verhalten. Es kann von einer Störung der zwischenmenschlichen Interaktion ausgegangen werden. Aufgrund seiner psychischen Erkrankung ist Herr M. nicht fähig, soziale Beziehungen auf normativ umgängliche Art und Weise zu etablieren oder aufrecht zu erhalten. Dieser Umstand ist nicht vorrübergehender Natur, sondern weist chronische Züge auf. Herr M. benötigt einen beschützten Rahmen, enge Strukturen und professionelle Betreuung im Wohn- als auch Arbeitsbereich.

Keine Fußgängerzone war für ihn frei, nur in Begleitung. Kein Bürgersteig war sicher. Keine Parkanlage – in diese schiss er für gewöhnlich. Die Schlinge wurde enger. Das Dickicht veränderte sich, stieb erneut auf und offenbarte an Marlowski eine andere Seite. Die ihn Umgebenden erkannten nun weitere Facetten seines Wesens, zumindest meinten sie das. Sie sahen Charme, ein freundliches Gesicht, das Kind, das es zu umsorgen galt. Das Antlitz des Menschen Marlowski wurde sichtbar. Kann es sein? Er könnte doch? Wieso nicht? Das Dickicht wurde löchrig und der Tiger konnte seinen Käfig verlassen, im Geiste jedoch nur, der ihn Umgebenden. Ganzmensch. Ganzwesen. Besserung!

M. ist durchaus freundlich, wenn es ihm gut geht. Ebenfalls besitzt er die Kompetenz, sich in gewissen Situationen zu reflektieren, sein Handeln an seine Umwelt anzupassen. Seit der letzten Begutachtung ist M. durchaus kritikfähiger geworden. Die aggressiven Phasen nahmen deutlich ab. Er kann sinnfassend und zügig Texte lesen und verfasst schriftsprachlich einfache Sätze. Eine positive Prognose ist derzeit jedoch nicht gewährleistet. Herr M. ist im Gruppengeschehen nach wie vor schwer zu steuern.

Undurchdringlicher Staub, in jeder Ritze. Das Dickicht nahm eine weitere Form an, machte aus Marlowski weder Löwe, Tiger, noch Mensch, sondern Maschine, mit Stellschrauben, Parametern, Lenkungsrichtung, Ausschlägen, Bewegungsenergie. Ein Automat mit klemmendem Getriebe. Wieso erfüllte er nicht seine Funktion? War die Steuerung defekt? Weil er behindert war? Und krank? Doch an welche Drähte musste man gehen, um die richtige Sicherung ab oder gar einzuschalten? Die ihn Umgebenden entwarfen Pläne, erdachten sich prototypische Verhaltensabläufe, erstellten Schemata, zeichneten Prozesse in unzähligen Baumdiagrammen. Marlowski wirkte vorübergehend durchschaubar, mit der richtigen Brille, mit Naturgesetzen. Und doch konnte man keine Kontrolle erringen. Alles versagte.

Es war klar, für alle, die sich Gedanken darüber machten, dass Marlowski nicht richtig war, dort, wo er sich derzeit bewegte. Er musste geeigneter untergebracht werden. Er war maßlos geworden. Er erhielt Taschengeld, wann es ihm beliebte, ging einkaufen, wann es ihm beliebte und dann überschritt er die Grenze seines eigenen Könnens. Er kaufte zu viel, vermüllte sein Zimmer, aß ungesund. Er überschritt die Grenzen, die er haben sollte und diese brauchte er, verlautbarte das Dickicht. Er konnte sich ja gar nicht mehr fangen – das konnte er nie – war sich selbst zu viel, alleingelassen, ohne Halt, trudelte hinab in das Irrsinnige, in das Unfassbare. Es war klar, dass er Halt brauchte, dass mehr Enge notwendig war. Schließlich war es bei einer berühmten Autistin[2] auch so, dass sie sich, zur Beruhigung und zum Wohlfühlen, in eine selbstgebaute Quetschmaschine begab. Es musste ein veritables Bedürfnis von Menschen ohne Halt sein, Halt zu ersehnen, wenigstens im Maschinellen. Es existierte kein Unterschied zwischen einem selbstkonstruierten Apparat und einem Apparat aus menschlicher Nähe, denn schließlich war Marlowski nicht in der Lage, sich selbst eine Quetschmaschine zu errichten. Die Quetschmaschine mussten Menschen sein, die ihn umgaben, genauer konfiguriert, enger, strenger, haltgebender, kümmernder. Das Dickicht lief zur Höchstform auf. Marlowski musste gequetscht werden, weil es ihm dann endlich wieder gut gehen würde. Das wusste man, denn in früheren Zeiten des Quetschens, der kontrollierten Zuneigung und vor allem kontrollierten Zugänge zur Umwelt, funktionierte Marlowski, das wusste man aus Dokumenten, Berichten. Er war damals lauffähig, schnurrte wie ein Kätzchen, ohne Aussetzer oder Fehlzündungen. Und so verhieß das Dickicht erneut das Zauberreich der Mechanik, in dem einfache Gesetze herrschten und zu Frieden führten. Marlowski war ein Phänomen, ein Wandler, ein unwirklicher Kerl. Er war ein Fabelwesen.

Bevor die Metapher der Mechanik siegte, gab es einen Versuch. Einige wenige der ihn Umgebenden hatten eine Idee oder vielmehr ein Unbehagen. Sie wussten, dass etwas mit ihm geschehen musste, dass nichts so bleiben konnte, wie es war und vielleicht war es ihnen einen Moment möglich, durch das Dickicht hindurch zu blicken. Man begann in seine Vergangenheit zu schauen. Konnte es dort etwas geben, Indizien, Beweise gar? Man versuchte, ein letztes Mal, einen Blick auf ihn zu werfen, einen anderen. Einen menschlichen sogar? Man holte Macheten, von denen man nicht wusste, wie sie zu schwingen waren. Man begann vergangene Ereignisse zu sammeln:

  • Seine Oma war seine engste Bezugsperson. Oma hatte Engelsgeduld
  • Der Vater hetzte ihn gegen seine Mutter auf, sie würde sich nicht kümmern, ließe ihn ständig allein
  • Mutter musste arbeiten, die Familie ernähren, weil der Vater ging
  • Mit 4 Jahren konnte er immer noch nicht sprechen, dann fingen die Aggressionen an
  • In der Schule wurde er gehänselt, weil der Vater weg und weil er Ausländer war
  • Erst mit 5 Jahren begann er zu sprechen
  • Er wusste nicht, was Gegenstände sind, hat bis zu 2 Jahren nicht nach diesen gegriffen
  • Die Mutter musste ihm zeigen, wie man isst, er konnte schlucken, aber nicht kauen
  • Im Alter von 3 Jahren erhielt er das erste Mal Ritalin
  • Mit 9 Jahren war er nicht mehr zu bremsen, musste immer laufen, war immer unterwegs
  • Mit 12 Jahren ging es zu Hause nicht mehr, er war der Mutter körperlich überlegen, hat ihr gedroht, sie zu schlagen
  • In den Heimen war es immer schwierig, er war lauter als alle anderen, brüllte alle nieder

Es waren nur Fragmente, Schlaglichter, ungenügend, um das Dickicht zu durchdringen. Doch gelegentlich schienen sie hindurch, die Augenblicke, in denen mehr von Marlowski erkannt werden konnte, immer dann, wenn man darüber sprach, wenn man Vermutungen anstellte oder begann zu fragen: Ein Kind, das nicht sprechen kann, wird zu einem brüllenden Mann? Eine Entwicklung, die ausgesetzt war, entfaltete sich dennoch, explodierte und überholte ihn selbst? Die Hänseleien, die Ausgrenzung; die Medikamente, wie haben ihm diese zugesetzt? Ritalin, seitdem er 3 Jahre alt war? Das ist viel zu früh! War Marlowski ein Experiment aus früheren medizinischen Zeiten? Als es noch keine fundierten Studien gab? Die Ärzte beschrieben ihn in vier Sätzen:

  • Sauerstoffmangel bei der Geburt
  • Entwicklung: Laufen 1 Jahr, Sprechen 4 oder 5 Jahre, Sauberkeit 3 Jahre
  • Katatone Schizophrenie
  • Borderline-Persönlichkeit

Durch welche Höllen ist er gegangen? Glücklicherweise gibt es Entwicklungsberichte. In der Schule sagte man:

  • Ein Schüler, der entweder sehr unruhig ist und fast ununterbrochen spricht oder teilnahmslos, fast apathisch wirkt
  • Er zeigt viele Tics, fragt seine Mitschüler ständig, ob sie seine Freunde seien
  • Es war schwierig gewesen, Momente und Aufgabenfelder zu finden, in denen man ihm die für ihn dringend notwendige Anerkennung und positive Zuwendung zukommen zu lassen.

„Willst du mein Freund sein?“

„Willst du mein Freund sein?“

„Willst du mein Freund sein?“

„Willst du mein Freund sein?“

„Willst du mein Freund sein?“

„Willst du mein Freund sein?“

Das Dickicht und immer wieder das Dickicht…noch bevor Antworten gefunden werden konnten, spitzten sich die Ereignisse zu: Marlowski verweigerte die Arbeit in der Werkstatt. Das war nicht tolerabel! Er aß vom sündigen Baum, machte den Schlimmsten Fehler, in einer Welt, die nur aus Arbeit besteht. Indem er diese ablehnte, lehnte er die Welt ab, jeden und alles. 

„Herr Marlowski testet mal wieder seine Grenzen. Er arbeitet nicht mehr mit der Gruppe, sondern zieht sich in andre Räume zurück. Die effektive Arbeitszeit beläuft sich dahingehend auf maximal 1 ½ Stunden. Während dieser Zeit schafft er nicht einmal die Hälfte seines Pensums. An der Tagesordnung stehen ständige Provokationen und Drohungen, gegen das Personal und seine Kollegen. Seine Medikamente verweigert er konsequent. Ermahnungen wirken überhaupt nicht mehr. Auch der Einsatz der Polizei lässt ihn mittlerweile gleichgültig. Herrn Marlowski fehlt die Struktur. Seit dem Wohngruppenwechsel ist es schlechter geworden. Herr Marlowski bezieht alles auf sich, kann sich von anderen nicht abgrenzen, lässt sich nur schwer umlenken. Aggressionen gehen mittlerweile in Handgreiflichkeiten über, er wird körperlich aggressiv, schlägt andere Beschäftigte.“

„Es muss etwas geschehen“, rief das Dickicht und Metaphern der Mechanik stieben ein letztes Mal aus ihm hervor. Er musste gesteuert werden, kontrolliert, in eine Versuchsanordnung gebracht, in der dies möglich war. Quetschen, quetschen, quetschen! Er musste umziehen, in eine Umgebung, eine Quetschmaschine aus Fürsorge und Tokenpläne[3]. Bis es ihm besser ging. Im Widerstreit dazu lag noch der begonnene Versuch, er lag in seinen letzten Zügen. Die Frage nach Marlowskis Menschlichkeit schwebte gerade noch so umher, versuchte beantwortet zu werden, in einem anderen Umgang mit ihm: tägliche Gespräche, zur Reflexion. Die Möglichkeit, sich verbal abzusichern, Unmut zu äußern, „Deals“ mit den ihn Umgebenden zu machen. Ein kurzes Aufatmen. Beleidigungen, sicherlich. Doch man reagierte anders auf diese. Keine Sanktionen. Nur Gespräche. Ein Versuch, hilflos, aber das Dickicht verschwand für kurze Zeit, lauerte nur noch, an den Rändern der Aktionen, der Sitzungen, der Versuche, Tagebuch zu führen, der Versuche, Emotionen zu verbalisieren, statt diese herauszubrüllen. Marlowski genoss die Zuwendung. Oder tat er nur so? Nutzte er die Freiheiten aus, mit denen er nicht umgehen konnte?

Dickicht, Dickicht, Dickicht!

Vier Wochen, ein Versuch, mit Rückschlägen, mit kleinen Erfolgen. Doch im Hintergrund war Marlowskis Schicksal bereits entschieden, von höheren Mächten. Es gab Menschen in Marlowskis Umgebung, die über ihm standen, die handeln mussten oder meinten, handeln zu müssen und die schließlich entschieden: Der Umzug muss stattfinden! In den geschlossenen Bereich, das Quetschparadies vor Ort, das einzige Paradies, in das niemand gelangen möchte. Dafür galt es Berichte anzufertigen, nach guten Gründen zu suchen. Besseren Gründen als der Theorie aus dem Dickicht, wonach man Menschen wie Marlowski einfach quetschen musste, weil sie Menschen wie Marlowski waren. Das Dickicht sprach im Kreis und mit ihm die ihn Umgebenden. Lief er neulich nicht mitten auf der Straße herum? Mit Kopfhörern? Bemerkte die hupenden Autos nicht? Das ist Selbstgefährdung! Eindeutig! Schreiben Sie das in den Bericht! „Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren“. Ein kurzer Aufschub, weil man sich noch weigerte, das Quetschen als die einzige Lösung hinzunehmen. Dann ein Ultimatum: Wenn er seinen Werkstattplatz behält, kann er in seiner alten Wohngruppe bleiben. Falls nicht, zieht er um. Ein Ultimatum, das keinen Widerspruch duldete. Ein cleveres Ultimatum, denn der Rauswurf aus der Werkstatt war sicher, eine Frage der blutigen Mathematik der Zeit. Der Versuch lief weiter. So lange, bis die Erwartung eintraf, das Quetschen begann und das Toben des Marlowski und das Quetschen und das Toben.

Marlowski war ein unwirklicher Kerl, ein Wandler, ein Nebulös, ein Ruf, der ihm vorauseilte, Phantom, fleischgewordener Mythos, irgendwie multiexistent. Marlowski explodierte, beschimpfte, bedrohte. Er erkämpfte sich kleine Siege und große Niederlagen. Man sieht ihn nicht mehr so häufig. Aber hören wird man ihn immer. Dieses Brüllen…

Entstehungsgesichte: Mit diesem Text versuche ich darzustellen, welche Bilder von Menschen (mit Beeinträchtigung) in solchen Institutionen entstehen, wie sie gemacht werden, wie hilflos und kurzsichtig diese Vorstellungen sind, wie jeder unter ihnen leidet – sowohl die Betreuten (diese immer mehr) als auch die Betreuenden. Gleichsam wollte ich in der Sprache einen größtmöglichen Resonanzraum erzeugen (das heißt begrifflich auch ein wenig überfordern, damit Platz für die Gedanken des Lesers entstehen kann) als auch diese Verzweiflung darstellen, die ich persönlich zumindest damals empfunden habe. Eine Verzweiflung auf der Suche nach einer ethischen Erklärung für Verhalten. Eine Erklärung, die eben nicht auf Behinderung oder eine niederträchtige Persönlichkeit reduziert, sondern den Menschen im Mittelpunkt seiner Verhältnisse begreift und wehrhaft ist, gegen Abwertung und strukturelle Blindheit. Der Versuch schlug leider fehl.

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1. Die [INST] ist eine Komplexeinrichtung der Behindertenhilfe. Und noch mehr. Sie ist ein Gedanke, eine Meinung, eine Haltung. Eine Beobachtungsplattform, von der aus man auf Menschen herabblickt.

2. Die Rede ist von Temple Grandin:

„Ich war völlig fasziniert von dem Anblick der in diese Maschine gepferchten Tiere. Man sollte meinen, daß die Rinder panisch reagieren, wenn sie so in die Zange genommen werden, doch das Gegenteil ist der Fall. Sie werden plötzlich ganz ruhig. Das ist gar nicht so unlogisch, wenn man bedenkt, daß starker Druck äußerst beruhigend wirkt. Aus demselben Grund empfinden wir auch Massagen als angenehm. Der Fang- und Behandlungsstand gibt den Rindern höchstwahrscheinlich das Gefühl, das sonst nur Neugeborene haben, wenn man sie wickelt. Oder Taucher unter Wasser. Sie mögen das. Noch während ich die Rinder betrachtete, wurde mir klar, daß ich auch sowas brauchte. Als ich im Herbst auf das Internat zurückkehrte, half mir ein Lehrer, für mich einen „Behandlungsstand“ zu bauen. Ich kaufte mir einen Kompressor und benutzte Sperrholzplatten für die V-Struktur. Die so entstandene squeeze machine funktionierte tadellos. Wenn ich in meine squeeze machine ging, beruhigte ich mich sofort. Ich benutze sie heute noch. Dank ihr und der Pferde überlebte ich die Pubertät.“

– Temple Grandin, Catherine Johnson: Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Ullstein, München 2005, S. 13

3. Tokenpläne, auch Verstärkerpläne genannt, sind pädagogische Methoden, die den Klienten dadurch zu einem gewünschten Verhalten bewegen sollen, indem das gewünschte Verhalten verstärkt, also belohnt wird. Die dahinterliegende Lerntheorie ist der Behaviorismus, der davon ausgeht, dass Menschen ihr Verhalten durch positive oder negative Konsequenzen ändern. Was sich der Mensch über das Verhalten denkt oder wie er und die anderen über dieses Verhalten sprechen, wird dabei nicht berücksichtigt. In dieser Lerntheorie wird sich der Mensch als Black-Box vorgestellt, die durch eine jeweilige Eingabe eine jeweilige Ausgabe erzeugt. Beispiel für einen einfachen Tokenplan wäre etwa: Um sich das Rauchen abzugewöhnen, wird der Klient belohnt (was auch immer für ihn eine Belohnung darstellt, bspw. eine halbe Tafel Schokolade), wenn er es schafft, an einem Tag lediglich 5 statt 10 Zigaretten zu rauchen. Raucht der Klient nur 8 Zigaretten, erhält er eine kleine Belohnung (bspw. ein Stück Schokolade). Raucht der Klient tatsächlich gar nicht, fährt er in die Schokoladenfabrik. Noch nie war jemand in der Schokoladenfabrik.

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