Markus

Lesedauer: ca. 10 Min.

Markus Schmidt lag in seinem Zimmer, auf seinem Bett, das selbst bei seinem stattlichen Gewicht nicht einen Zentimeter nachgab. Er starrte an die Decke und drehte seine Daumen in den gefalteten Händen auf seinem Bauch. Der Arbeitstag war vorüber. Markus Schmidt steckte Filzstifte in eine durchsichtige Plastikhülle. Insgesamt 100 Stück. Er hätte sicherlich mehr geschafft, doch er hatte zwischendurch keine Lust mehr, stand auf und ging in den Aufenthaltsraum, wo er ein kleines Nickerchen machte. Sein Gruppenleiter schimpfte kurz mit ihm, bis ihn ein Kollege beruhigte. Schließlich war Markus, Markus. Das wusste man in der Werkstatt und das reichte, um ihm gelegentlich eine Auszeit zu gönnen. Er mochte seinen Gruppenleiter eigentlich. Er machte gerne Scherze und manchmal, wenn er richtig gut gelaunt war, sagte er zu Markus: „Junge, leg mal die Stifte weg, wir sind auf der Arbeit und nicht auf der Flucht“. Markus verstand nicht ganz, was eine Flucht war, bzw. was diese mit seiner Arbeit zu tun hatte. Aber er mochte den Gesichtsausdruck seines Gruppenleiters, den er dabei machte. Es war fast, als hätte er auf etwas Saures gebissen. Auf dem Nachhauseweg hatte ihn heute niemand beschimpft. Normalerweise kommt Andreas und nennt ihn einen dämlichen Fettsack. Dann schimpft Markus zurück und manchmal muss er Andreas eine verpassen. Richtig schön auf die Schnauze. Dass er Markus mit seinen Sprüchen weh tut, merkt Andreas nicht. Und Markus lässt sich nicht anmerken, dass sie ihm weh tun. Die anderen beschimpfen ihn häufig. Und wenn er es einem Mitarbeiter sagt, dann antworten die nur, dass er sich wehren soll. Schließlich sei er ein großer Junge. Oder er soll auf sich selbst und seine eigenen Fehler achten, zum Beispiel solle er das tägliche Duschen nicht ständig schwänzen. Und vor allem solle er aufhören mit seiner Gewalt, seinem Schlagen.

Markus lag auf dem Bett und drehte weiter seine Daumen. Ihm wurde so etwas wie langweilig. Heute fühlte er sich ruhig, nicht wie an anderen Tagen, an denen er einen dicken Kloß im Hals und in der Brust spürte. Einen Kloß aus Feuer, aus Stein, aus brennendem Eisen. Auf diesen Schlug er, wenn er es gar nicht mehr aushielt. Doch heute war ein besserer Tag. Markus hörte Stimmen im Flur. Eine weibliche, die er schnell als Tanjas Stimme erkannte und eine männliche, die er mochte. Es war Kevin. Er sprang auf, ging zur Tür hinaus und sah die beiden diskutieren. Sie wurden etwas lauter, schrien schon fast. Dann gingen sie ins Büro und schlossen die Tür. Markus war neugierig, wie er es eigentlich immer war. Nur allzu oft gingen Mitarbeiter aufgeregt ins Büro und als sie wieder herauskamen, bekam er einen Minuspunkt und durfte keine Zigarette rauchen. Dann musste er seinen Mitbewohner Jürgen wieder aufsuchen und ihm seine Faust unter die Nase halten. Was aber schließlich bedeutete, dass er noch mehr Ärger bekam, was wiederum bedeutete, dass auch Jürgen mehr Ärger bekam und was manchmal in einer Schlägerei endete. Manchmal ärgerte Markus Jürgen aber auch absichtlich. Oftmals an Tagen des brennenden Kloßes. Dann konnte es sehr schnell gehen und was dann genau geschah, wusste Markus selbst auch nie so richtig. Lediglich, dass er sich dann irgendwann im Krankenhaus befand und so oft rauchen konnte, wie er wollte. Überhaupt waren die Leute dort netter, irgendwie entspannter. Er konnte sich ausruhen und wenn er keine Lust auf Arbeitstherapie hatte, dann blieb er eben in seinem Zimmer.

Markus ging auf die verschlossene Tür zu und legte sein Ohr daran. Er hörte Stimmenfetzen, die Andeutungen von Wörtern, nichts Genaues. Tanja schimpfte, so viel konnte er erlauschen. Gerade als er meinte, seinen Namen gehört zu haben, riss jemand die Tür auf. Tanja stand vor ihm, mit einem Zitronengesicht, das jedoch anders aussah, als das seines Gruppenleiters. Markus ging einen Schritt zurück. Er wusste, mit Tanja war nicht zu spaßen und er hatte keine Lust auf das Krankenhaus, es ging ihm ganz gut. Er dachte darüber nach, was er falsch gemacht haben könnte, obwohl ihm das nicht immer leichtfiel. Die Menschen um ihn herum sahen die seltsamsten Dinge, an die er sich überhaupt nicht erinnern konnte. Er fühlte sich schlecht, wenn sie ihm diese seltsamen Geschichten erzählten. Doch dann fiel ihm ein, dass Sylvie heute Nachmittag in der Gruppe war. Und ihm fiel ein, dass sie ihn komisch angesehen hatte. Und dass er sich im Wohnzimmer in eine Ecke gestellt und sie angesehen hatte. Die ganze Zeit lang. Er wusste, dass es etwas mit Sylvie machte, wenn er sie anstarrte. Sie bewegte sich schneller, ihre Augen wuselten umher und ihre Hände zitterten etwas. Das gefiel ihm. Es war ein Gefühl, das er kannte, wenn er mit den anderen Jungs in der Werkstatt kämpfte. Später versperrte er Sylvie den Weg. Er verschränkte seine Arme und füllte dadurch fast den ganzen Flur aus. „Bitte, ich muss durch, bitte Markus“. Doch er bewegte sich nicht. Sie zitterte richtig heftig und Markus lachte. Später als sie ging, hatte er sie weinen gehört und war sich auf einmal sehr unsicher.

„Bist du sauer?“, fragte er Tanja. „Ja, verdammt, geh jetzt hier von der Tür weg, ich hab dir das schon tausendmal gesagt!“ Tanja hastete in die Küche. „Mach bitte, was sie sagt, sonst passiert noch was.“ Kevin saß im Büro und sah Markus an, bis dieser in sein Zimmer ging. Er wollte nicht, dass Kevin auch noch sauer wird. Er legte sich wieder aufs Bett und drehte seine Daumen. Er starrte an die Decke. Er war unruhig. Er spürte ein Kribbeln in seinen Beinen und dann in seinem Bauch. Seine Hände zitterten. Er stand auf und ging hinaus in den Flur. Er sah Sabine, wie sie in ihrem Morgenmantel den Gang entlang schlich, vor und zurück. Sabine beachtete ihn für gewöhnlich nicht. Er sah sie immer nur herumschlurfen und wie ihr beim Essen alles aus dem Mund fiel. Kevin war im Büro, die Tür stand offen. Er hörte ihn auf der Tastatur herumtippeln und fragte sich, was er dort schrieb, vielleicht etwas über ihn? Er schlich sich etwas näher heran, mit verschränkten Armen, wie so oft. Wenn er seine Arme verschränkt hielt, waren manche Dinge gar nicht schlimm, dann konnte er einiges aushalten. Er konnte schon Kevins Schopf erkennen, der hinter der hölzernen Trennwand hervorragte. Tanja war in der Küche. Markus hörte klapperndes Geschirr und platzierte sich direkt am Türrahmen, so dass Kevin ihn bemerken konnte. Was er sagen sollte, wusste er nicht. „Markus, bitte, steh da nicht rum. Du weißt Tanja wird wütend, wenn du da stehst.“ Kevin sah ihn an. Irgendwie so, als sei es gar nicht so schlimm, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. „Markus, bitte!“ Kevins Gesicht war nun etwas verzogen, aber nicht auf eine witzige Art und Weise. Markus glaubte, er sei traurig, also ging er einen Schritt auf ihn zu in das Büro hinein. „Markus ich weiß, bitte, hör auf mich, dann kriegen wir diesen Abend gut rum.“ Markus streckte seine Arme aus und umschlang Kevin. Er wusste nicht genau warum, aber er hoffte, dadurch würde es besser werden, was auch immer es war. Kevin klopfte ihm sachte auf den Rücken. „Aber jetzt bitte, geh raus.“ Markus ließ los und ging zurück in den Flur. Er lehnte sich an die gegenüberliegende Wand. Wieder schlich Sabine vorbei, mit offenem Mund.  „Glotz nich so!“ Noch immer hatte er nicht das Gefühl, dass es in Ordnung war. Tanja kam den Flur entlang und murmelte etwas, das er nicht verstehen konnte Sie stürzte an ihm vorbei ins Büro und schloss die Tür. Er hörte sie schreien „was fällt dir eigentlich ein!“, den Rest verstand er nicht mehr. Er stand da, einige Minuten, schaute nach links und nach rechts. Er bekam Lust, eine Zigarette zu rauchen, doch wusste er, dass das vor dem Abendessen nicht geht. Erst letzte Woche schnauzte ihn Bert deswegen an. Fast hätte er ihm eine verpasst, aber er wollte nicht ins Krankenhaus. Markus schlich sich wieder an die Bürotür heran, lehnte sich an den Türrahmen und lauschte. Er hörte Tanja und Kevin streiten, worüber wusste er allerdings nicht. Er hörte gelegentlich seinen Namen. „Kann ich rauchen?“, rief er und es wurde seltsam still. Die Tür öffnete sich. „Du gehst jetzt bitte von dieser verdammten Tür weg, los Schmidt, ab jetzt!“. Tanjas Stimme klang nach Stahl. Sie kam auf ihn zu, immer näher, bis sie mit ihrer Stirn direkt vor seiner Nasenspitze stand. Er war wie versteinert. Tanja schubste ihn. „Ich habs dir gesagt, Schmidt, geh jetzt!“ Tanja kam immer näher und Markus wich zurück. Er kannte diese Seite von Tanja. Sie schlug ihm oft auf den Brustkorb, nur ganz kurz, mit beiden Händen und schubste ihn nach hinten, wenn er im Dienstzimmer stand. Es tat nicht sonderlich weh, aber es machte etwas anderes mit ihm, es machte ihn unruhig, nervös. „Geh jetzt!“ Tanja schubste noch einmal, dann knickte Markus zusammen, seine Schultern fielen nach hinten. „Ok, Markus geh jetzt“, sagte Kevin und zog Tanjas Arme von seiner Brust. Markus spürte, wie ihm Wasser in die Augen schoss, also dreht er sich schnell um und ging zurück in sein Zimmer. Die Tür knallte er wuchtig zu, legte sich auf sein Bett und versuchte seine Daumen zu drehen, doch er kam immer wieder durcheinander, es funktionierte nicht mehr. Die Decke verwandelte sich in dunklen Staub, der in konzentrischen Kreisen auf ihn herunter trudelte. Der brennende Kloß in seiner Brust war zurückgekehrt, natürlich kannte er diesen, wusste, was er bedeutet. Wie damals, wenn ihn seine Mutter ihm Schrank einschloss, über Nacht, und er gegen die Türen hämmerte. Oder wenn sie ihre Hausschuhe auszog und ihm damit auf den Rücken schlug, immer wieder, 5, 10, 20 Minuten, unermüdlich und er dann, wenn sie das Zimmer verlassen hatte, begann, sein Spielzeug zu zerstören. Es war Wut, brennende, gleißende Wut, natürlich kannte er dieses Gefühl und es verlangte nach Genugtuung. Er sprang auf und trat gegen seinen Kleiderschrank. Dieser gab unter der Wucht seiner Körpermasse nach, die rechte Tür klappte in sich zusammen, gebrochen in der Mitte. Markus trat weiter, gegen die einzelnen Bretter, gegen die Schubfächer, bis diese in sich zusammenfielen. Seine Klamotten wirbelten herum. Er begann mit seinen Fäusten auf die spitzen, gebrochenen Bretter zu schlagen und schon nach wenigen Versuchen waren sie bemalt mit seinem Blut. Er schlug immer weiter, doch das Brennen ließ nicht nach.

Kevin und Tanja stürmten zur Tür herein. Dieser sah lediglich irgendeinen Schatten auf ihn zufliegen und reagierte darauf. Er holte mit seinem rechten Ellbogen aus und schoss ihn ab. Er spürte keinen Schmerz, auch vorher nicht, als er den Schrank mit seinen Fäusten in seine Einzelteile auflöste. Er spürte lediglich ein sachtes Brechen von irgendwas. „Verdammte scheiße, verdammt!“. Kevin kam zurück ins Zimmer, sein Gesicht war ganz weiß. „Markus, geh bitte einen Schritt zurück“ Seine Stimme klang nun wieder anders, so kannte ihn Markus nicht. Er bekam Angst und wich ohne sein Zutun einige Schritte zurück, bis er an seinen Schreibtisch stieß. Er sah dabei zu, wie Kevin Tanja aufhalf und ein Schwall von Blut aus ihrer Nase schoss. Ihm wurde schlecht. Seine Beine zitterten. Als die beiden den Flur betraten war nur noch lautes Geschrei zu hören, von Sabine, Rudi und Beate. Thomas und Hans. Sandy schrie „Scheiße, was hat der Penner jetzt schon wieder angestellt, der muss raus!“. Nur Jürgen war nicht da. Markus konnte sich immer noch nicht bewegen. Er starrte auf die Blutspur am Boden, die von einer kleinen roten Lache aus in den Flur führte. Dann starrte er wieder auf die Tür. Dann auf die Decke, deren dunkler Strudel aus Staub toste wie nie zuvor. Markus beobachtete wie sich das Blut bewegte, es zu wallen begann, wie ein kleiner See, über dessen Oberfläche der Wind streichelte. Bis die Wellen größer wurden, sich aufbäumten und das Blut begann sich vom Boden zu lösen. Es schwebte, wand sich ineinander, züngelte wie eine Schlange mitten im Raum, drehte sich und floss scheinbar immer wieder ineinander, während es langsam aufstieg. Markus versuchte zu schreien, um Hilfe, doch konnte er nicht. Es wäre sowieso niemand gekommen, er konnte sie hören, im Wohnzimmer, wie sie klagten und schrien. Das Blut war fast am dunklen Strudel angelangt, da knüllte es sich plötzlich zusammen und verschwand im Dunkel der Decke. Markus versuchte einen Schritt nach vorne zu gehen, um in den Strudel hineinzugucken, um herauszufinden, wohin das Blut verschwunden war, doch seine Beine bewegten sich nicht. Dann begann sein Schreibtischstuhl zu vibrieren, auf seinen Rollen hin und herzugleiten. Sein Bücherregal, in dem sich kaum Bücher, aber viele kleine Actionfiguren befanden hob sich in die Höhe, erst an der rechten, dann an der linken Seite. Es sah aus, als ginge es einige Schritt auf Markus zu, bis es sich ineinander faltete und dann ebenfalls im Strudel verschwand, gefolgt vom Schreibtischstuhl, der wie eine Gewehrkugel in den dunklen Staub hineinschoss. Dann war der Schreibtisch dran. Markus spürte das Vibrieren hinter sich, es ging in seinen Körper über, doch er konnte sich noch immer nicht bewegen. Er sah Beate, die vor seiner Zimmertürstand, den Mund aufriss und unverständliche Laute von sich gab. Dann zeigte sie mit dem Finger auf Markus. Der Schreibtisch zerknüllte sich unter einem unsichtbaren Druck einem Klumpen Sperrholz und schoss an Markus Kopf vorbei in den Strudel. Markus spürte eine Anziehungskraft, die von dem Strudel ausging. Er setzte einen Fuß vor der anderen, spürte wie seine Beine vom Fußboden abhoben. Beate schrie. Markus war kurz davor, eingesaugt zu werden, er sah hinauf und entdeckte seine Möbel, wie sie im dunklen Staub umherkreisten, seine Actionfiguren, als würden sie ihm zuwinken und behaupten, es sei doch gar nicht so schlimm. Er schloss seine Augen und hörte das Klingeln an der Gruppentür. Dann fiel er auf den Boden herab. Alle Möbel schossen aus dem dunklen Loch zurück in das Zimmer und fielen in Einzelteilen zu Boden. Beate verstummte. Die Gruppentür öffnete sich, das Geschrei im Wohnzimmer wurde lauter. Markus hörte ein ungenaues Murmeln. „Wo ist der junge Mann?“, fragte jemand mit fester Stimme. „Hinten, zweite Tür rechts“. Zwei Polizisten standen in Markus Zimmertür und sahen ihn an.

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