Dezember

Eine Übung in ästhetischer, hochhumoriger und gigageistiger Kritik

Thema: Teewurst und Squatty Potty

Nun, was sich über Teewurst sagen lässt: Sie ist das wohl unaufgeregteste Streichelement einer Brotzeit- oder Frühstückskonstellation für Karnivoren, die nicht sehen wollen, wie viele Knorpel- und Fettstückchen sich in einer durchgepökelten Wurstmasse befinden. Die TW [wie sie damals in ihrer goldenen Zeit von Kennern und Schätzern der Rügenwalder Tradition genannt wurde – sie durfte immerhin auf keinem Mühlenfest fehlen] ist eine bescheidene Wurst: Geschmacklich fällt sie kaum aus der Reihe [weder positiv noch negativ], da sie nach TW schmeckt, nicht nach Wurst, nicht nach Fleisch [weder Schwein noch Huhn noch Rind noch Dackel], auch nicht nach Vanillepudding – was wiederum sehr bemerkenswert ist: eine Wurst, die nicht nur nicht nach Vanillepudding, sondern dauerhaft, unumstößlich nur nach sich selbst schmeckt. In dieser Hinsicht ist die TW der wurstgewordene Zirkelschluss, eine tautologische Fetttunke, ein unendliches sich selbst abbildendes Kunstwerk vielleicht sogar. Die braune – an eine leichte Darmerkrankung erinnernde – Farbe der TW ist optisch kein Hingucker, aber sie erfüllt gerade noch so ihre Funktion: Appetit nicht verhindern. Das wissen viele nicht: die TW wurde eigentlich nicht als vollwertige Wurstspeise entwickelt, sondern lediglich als Additiv zu einer ausgewogenen Wurstmahlzeit [denn auch gerade bei Wurstwaren gilt der bekannte Ernährungsimperativ: Bunt essen!]. Natürlich ist für die Herstellung einer TW unter anderem der Bolzenschuss in einen Tierkopf notwendig, weshalb sich viele mittlerweile von ihr abgewendet haben [also mindestens 150 Leute], worauf sich wiederum [in einer irren Spiralität] findige Wursttechniker daran machten, eine vegetarische TW zu entwickeln. Während das abschließende Urteil zur TW eigentlich nur lauten kann: Ja, geschmacklich ok, kann man machen, muss man aber sehr sicher nicht, kann die vegetarische TW nur ganz andersartig bewertet werden: Diese gilt es wirklich kompletto, vollumfänglich, mit allem was dazu gehört [auch und vor allem mit Zwiebeln] abzulehnen! Die vegetarische TW hat nicht nur das Alleinstellungsmerkmal der TW eingebüßt – die tautologische Qualität des Eigengeschmackes – sondern erinnert stattdessen jetzt auch geschmacklich, nicht nur optisch, an eine sogar ausgewachsene Darmerkrankung, als hätte jemand versehentlich [oder vielleicht sogar absichtlich] Katzen- und Mäuse-Fäzes in den Wurstkutter gekippt. Von ihr sind alle im Besitz befindlichen Finger zu lassen [ausgenommen Finger und dazugehörige Menschen mit einem ausgeprägten Wurstmasochismus]. Dann lieber Käse oder am besten gleich vegan.

Der Squatty Potty hingegen ist da von ganz anderem Kaliber! Zunächst möchte man vielleicht urteilen: Dieses Gerät gehört in dieselbe Bewertungskategorie wie der wirklich ungemein überflüssige und furchteinflößend unästhetische wie blöde Eiersollbruchstellenverursacher. Letzterer ist wirklich nur ein weiter Gipfel der „Ingénierie de l’idiotie“ und der Spaß an der Benutzung dieses Nicht-Wunders kann sich wahrscheinlich nur mit Infantilität, Senilität oder einer psychotischen Episode erklären lassen. Der Squatty Potty jedoch erhebt sich aus diesem Jammertal der Konstruktionsgeschichte und materialisiert ebenso die Rückkehr einer jahrtausendealten Kulturtechnik: des Squatshittings. [Irgendwelche] Wissenschaftler haben herausgefunden, dass bereits der Neandertaler „squattete“ [also in die Hocke ging] beim Abschluss seines Verdauungsprozesses – jedoch verwendete er hierfür zumeist einen Dinosaurierschädel [der bewanderte Leser wird hier sicherlich etwas einzuwenden haben] oder einen simplen Stein. Ja, einfach einen Stein. Mehr nicht. Einen Stein. Grau, rundlich, sehr schwer. Stein. Der moderne Mensch hat nun jedoch den Squatty Potty und das ist als „gut“ zu bewerten. Warum nur als gut? Jaha, selbst dem äußerst sinnvollen Squatty Potty ist noch ein Hauch von Überflüssigkeit nachweisbar, denn nicht nur kann man sich anderer Gegenstände bedienen, um beim Defäzieren einen ordentlichen „Squat“ hinzulegen [bspw. stramm aufgerollte Decken, Bücher von Richard David Precht, die Hände eine*r leidenschaftlich devoten Lebenspartner*in oder ein kleiner Vorrat vegetarischer TW [die man vorsorglich wegekauft hat, um seine Mitmenschen vom Geschmack dieses Undings zu bewahren, was jedoch gleichsam zur einer Nachfragesteigerung des unsäglichen Produktes und damit zu einer wahrscheinlich unendlichen Verfügbarkeit im Supermarktregal führen wird – oh nein!]), man kann sich gar von jeglichen materiellen Hilfsmitteln befreien und stattdessen die motorische Bewegung in die geistige Arena transzendieren: Spirit Squats nennt sich das Ganze und ich praktiziere diese bereits [neben Spirit Pushups und Spirit Sports im Allgemeinen] mein ganzes Leben lang. Das abschließende Urteil zum Squatty Potty lautet also: Für den Otto-Normal-Non-Spirit-Squatter und für Menschen mit einer leichten Squat-Allergie ist der Squatty Potty ein unersetzlicher Wegbegleiter beim regelmäßigen Herauspressen nährstoffentzogener Verdauungsendprodukte, wenn – und nur wenn – er sich farblich und stilistisch in das Interieur des Badezimmers einfügt – denn: das Auge defäziert mit!


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