Disability Stories

Geschichten über Menschen, die behindert werden.

Unter diesem – immer noch – Arbeitstitel schreibe ich nun schon seit ca. 4 Jahren über die Erfahrungen, die ich in meiner Arbeit in der Behindertenhilfe machen durfte, bzw. musste. Ich habe in großen Komplexeinrichtungen gearbeitet, in denen Menschen mit Beeinträchtigung wohnen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Diese sind von der Außenwelt so gut wie abgekoppelt und man kann diese berechtigt als totale Institutionen bezeichnen. Die Grundübel dieser Einrichtungen sind dabei zum einen das vorherrschende Menschenbild (der beeinträchtige Mensch wird als Defizit gesehen, als nicht fähig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, als deviant oder beschränkt) als auch das dazugehörige Verständnis von „Hilfe“, denn dieses bedeutet immer noch (bis auf lobenswerte Ausnahmen) Fürsorge also Schutz also Bevormundung also Kontrolle also letztlich strukturelle, kalkulierte Gewalt. Immer wenn ich versuche, meine Zeit in diesen großen Einrichtungen zu beschreiben, spüre ich, wie ich sprachlich an meine Grenzen gelange. Entweder mir kommen sozialwissenschaftlich geprägte Begrifflichkeiten wie strukturelle Gewalt [1] oder Paternalismus in den Sinn [die jemandem, der diesen Bereich nicht kennt, nichts sagen, in ihrer technisch klingenden Erscheinung kein Verständnis erzeugen] oder mir fallen Alltagsbegriffe wie Kälte, Herzlosigkeit, starres Denken ein [diese sind wiederum zu anklagend und pathetisch]. Diese gesammelten Texte sind der Versuch, die Lebenswelt von Menschen zu beschrieben, die in Komplexeinrichtungen – in totalen Institutionen – untergebracht sind. In diesem Versuch wollte ich schonungslos gegen das dort herrschende Denken unter den Professionellen vorgehen. Ich wollte die Unmenschlichkeit sichtbar machen, die in Gedanken, Vorstellungen und unflexiblen Strukturen liegen kann. Ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht. Man kann sicher eine Anklage herauslesen, aber diese soll den Verhältnissen gelten, nicht den Akteuren. Ebenfalls ist notwendig zu sagen, dass nicht alle Menschen in diesen Einrichtungen so denken. Es gibt sehr bemühte, ethisch reflektierte, engagierte Menschen, die dort arbeiten. Das Problem jedoch liegt in den Strukturen. Es ist systematisch.


Zur Öffnung des Themas wird in diesem Text versucht, zu erahnen, was es bedeutet als „geistig behindert“ vergesellschaftet zu sein.


Tommi sitzt an einem Berliner Späti, hin und wieder. Trifft Leute und wird getroffen. In einem Gespräch mit zwei Fremden an einem langen Abend werden Unterscheide deutlich, die für gewöhnlich lieber verborgen bleiben. Da sie mit der Illusion brechen, Menschen seien in dieser Gesellschaft gleichwertig.


Markus muss in seiner Wohngruppe Gewalt anwenden. Er erträgt die Sticheleinen seiner Schicksalsgenossen nicht. Er erträgt die Kälte von Tanja, seiner Betreuerin, nicht, die in ihm ein unveränderbares Übel sieht, gegen das es vorzugehen gilt. Sie sind unheilvoll miteinander in Beziehung, durchsetzt von Argwohn, kleinen und größeren Verletzungen und dem Gefühl, nicht entkommen zu können.


Anil will in die Psychiatrie. Er schlägt sich so lange, bis es ihm gelingt. Er „rastet“ aus an einem öffentlichen Ort, wo es jeder sehen kann. Sein Umfeld reagiert zynisch und beschreibt Anil als einen hoffnungslosen Fall. 


Ein Mitarbeiter der Wohneinrichtung erzählt vom demütigen Rüggel, dessen unterwürfiges Verhalten ihn zu „originellen“ pädagogischen Maßnahmen inspiriert, bis die Grenze zur Gewalt überschritten wird und letztlich verschwimmt.


Der Mensch mit geistiger Beeinträchtigung „Marlowski“ ist ein Phänomen, das jeden ratlos zurücklässt. Sein soziales Umfeld betrachtet ihn mit einem unsteten Blick, der zwischen Empathie und bitterer, verzweifelter Entmenschlichung mäandert. Dieser Blick – dieses Dickicht, das sich um Marlowski herum gebildet hat – stellt sich als ganz eigenes Problem dar. 

(Mehr Texte are coming…soon)


[1] Wer sich tiefergehender mit struktureller Gewalt beschäftigen möchte, findet hier drei Dokumente zum Thema:

  1. Aspekte struktureller Gewalt im Leben geistiger behinderter Menschen – Wolfgang Jantzen
  2. Strukturelle Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe – Isabelle Kotschote
  3. Wie kann das passieren? Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Möglichkeiten zur Prävention – Theo Klaus Hohenwart

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