Anil

Lesedauer: ca. 15 Min.

„Keine Sorge, das Schlagen ist nicht schlimm.“

„Ihm passt die Antwort der Ärztin nicht, aber danke für Ihre Fürsorge.“

Der haut sich jetzt so lange bis er seinen Willen kriegt.
Das ist Erpressung.
Egal, was man macht, das genügt ihm nie.
Das letzte Mal hatte er eine 1:1-Betreuung.
Jedes Bedürfnis wurde befriedigt.
Und trotzdem ist er wieder ausgeflippt.
Soll man da extra alles ändern?
Nur damit er seinen Willen bekommt?

„Wir haben hier alles im Griff, Dankeschön. Ja, wir sind die Betreuer. Einen Krankenwagen? Brauchen wir nicht, danke, das geht schon!“

Ich habe heute noch so viel zu tun.
Das schaffe ich alles wieder nicht.
Herrje.

„Steh bitte auf, ich hab Hunger. Ich will jetzt nach Hause. Und du auch! Es gibt Mittagessen, los jetzt?“

Das kann bis zu drei Stunden dauern.
Das letzte Mal waren wir nur zu zweit im Dienst.
Die Hölle! 

„Nein, das ist kein Krampfanfall, das ist gespielt. Keine Sorge. Na, jetzt krampft er nochmal. Danke für die Aufmerksamkeit, die hatte er nötig!“

Sehen Sie, wie sich das verschlimmert,
immer doller wird, sobald ihn jemand beachtet?
Aber der muss irgendwann erschöpft sein.
Lange kann das nicht mehr gehen.

Ich stehe daneben wie ein Ding aus zwei Welten, weiß nicht, was zu tun, welche Seite zu wählen, welche Partei zu ergreifen. Den Kopf vor seinen eigenen Schlägen schützen? Die Feuerwehr rufen? Das Spiel abwarten? Die Erniedrigung dulden? Als zynischer Betrachter?

„Was Sie hier machen, das ist unmenschlich! Sie stehen ja einfach nur rum! Man muss sich um den jungen Mann kümmern!“

„Danke für die Information, wir haben alles unter Kontrolle, gehen Sie bitte, danke!“

Ich denke, das wird nichts mehr.
Um eine Einweisung kommen wir nicht herum.

„Nennen Sie mir Ihre Namen und Ihren Arbeitgeber, ich habe jetzt genug, ich zeige Sie an! So kann man mit Menschen nicht umgehen!“

Er krampft wieder, aber kommen Sie doch!
Helfen Sie gerne mit!

„Ich werde sie Anzeigen! Eine Frechheit!“

Die Feuerwehr ist da und sehen Sie das?
Da steht er auf, als ob nichts wäre.
Krankheitsgewinn nennt man das, oder?

„Krankenwagen! Ja, Krankenwagen!“

Der ganze Anfall nur gespielt.
Und jetzt bekommt er, was er will, darf ins
Krankenhaus. Aber hier um die Ecke,
nicht dahin, wo er hin will, nicht nach …

„Ich will aber nach …“

„Geht nicht!“

„Ok.“

Wer ist Anil?

Diese kurze, poetisch anmutende Notiz, bestehend aus Erinnerungs- und Gefühlsfragmenten, hatte sich Robert F. in sein kleines, schwarzes, an den Seiten ausgefranstes Notizbuch geschrieben, zirka zwei Tage nach dem Ereignis, der Einweisung Anils in eine psychiatrische Einrichtung. Das Geschehene spielte sich auf einem belebten Platz in einer großen Stadt ab. Die Protagonisten befanden sich in einem seltsamen, privaten Kreis, mitten unter Passanten, in einem eigenen Areal, in dem dieser absurde Tanz von statten ging, abgeschirmt – so könnte man vermuten – von einem unsichtbaren Netz aus alltäglicher Ignoranz, wie man sie in Großstädten seinen Mitmenschen gegenüber gerne zeigt, aber vielleicht entstand diese Ignoranz auch aufgrund der Fremdheit des Geschehens, als könnte ein Eingriff oder jedwede Näherung in das Schauspiel etwas Schreckliches für denjenigen bereithalten, der sich so etwas zutraute. Lediglich eine Passantin ging dieses Wagnis ein und hatte vollkommen Recht mit ihrer Kritik, auch wenn sie daraus nicht mehr machte, als eine sehr plumpe und leere Drohung – aber immerhin sagte sie etwas. Der junge Mann, der in dieser Szene seinen Kopf blutig schlägt und sich einfach nicht beruhigen will, ist Anil. Wer Anil ist, das ist nicht einfach zu beantworten, so wie es niemals einfach ist, diese Frage nach der Persönlichkeit eines anderen Menschen zu beantworten, da jeder mindestens das ist, was seit seiner Geburt über ihn erzählt wird, eine sehr, sehr lange, brüchige und widersprüchliche Geschichte, die jedoch von jedem einzelnen Erzähler stets – ob gewollt oder nicht – mit einem Anspruch auf Wahrheit und Genauigkeit vermittelt wird, als sei das Wesen des Anderen eine klare Sache. Nun, die Wesen, die da aus unterschiedlichsten Wortarten zusammengebastelt sind, sind nicht nur unklar, sie sind unendlich. Spannend und kritisch wird es dort, wo die Unendlichkeit gegen Berechenbarkeit eingetauscht wird, wenn versucht wird, den anderen in beständigen Kategorien zu beschreiben, sicherlich, um ihm näher zu kommen, um sich ihm gegenüber orientieren zu können, doch zeitgleich errichtet man – wenn man nicht aufpasst – einen Käfig um ihn, aus Zuschreibungen, zumindest dann, wenn diese Zuschreibungen unverändert bleiben, durch die ständige Wiederholung eines kaum sich verändernden Umfeldes. Im Grunde kann man jeden Menschen von einem unendlichen zu einem absoluten Wesen machen, indem man ihn isoliert und nur noch mit gezielten Rückmeldungen attackiert. Jeder wird zum Idioten, wenn ein Umfeld ihn dies stets wissen lässt, und es keinen Widerspruch gibt, von niemandem. Im tatsächlichen Leben gibt es immer wieder Widerspruch, immer irgendjemanden, es gibt viele unterschiedliche Zu- und Beschreibungen von vielen unterschiedlichen Menschen und so wird aus einem Menschen ein individuelles, komplexes und ausdifferenziertes Wesen. Das macht es so schwierig, über jemanden zu sagen, wie er eigentlich ist. Auch Anil lebt in einem Umfeld und auch dieses Umfeld hat eine Meinung über ihn, beschreibt ihn und schreibt ihm Dinge zu. Bspw. der Wohngruppenleiter Bernd V., dessen Top-Five-Aussagen über Anil lauten:

  • „Der hat sich schon so oft auf die Rübe gehauen, da kann nicht mehr viel drin sein.“
  • „Völlig irre läuft der hier rum, völlig durchgeknallt, durch nichts zu befriedigen.“
  •  „Die anderen Bewohner leiden unter seinem ständigen Aufmerksamkeitsdrang! Die haben doch gar keine Lebensqualität mehr!“
  • Über eine der psychiatrischen Einrichtungen, in der Anil zu Gast war, und deren Mitarbeiter mit ihm etwas ausprobierten[1]: „Das muss man sich mal vorstellen! Der ist da mit nem Kittel rumgelaufen, die haben den Arzt spielen lassen! Das ist ein pädagogisches Totalversagen! Der hatte da keine Grenzen, unfassbar. Die gehen da auf jedes noch so kleine Sperenzchen ein, aber das können die ja machen, wenn er nur zwei Wochen da ist. Bei uns ist er jeden Tag und es sind noch neun andere Bewohner da.“
  • „Also eigentlich ist das ein hoffnungsloser Fall, da kann man nur noch ganz engmaschig arbeiten, kaum Freiheiten und dann kriegt man den vielleicht wieder so auf die Reihe, dass er einigermaßen funktioniert.“

Die Mitarbeiter um den Gruppenleiter herum, beschreiben Anil ähnlich wie Bernd V.[2]. Sie halten ihn für maßlos und nicht zu bändigen und erklären sich dies unter anderem dadurch, dass Anils Eltern aus dem Iran kommen, denn „bei diesen islamischen Familienstrukturen dürfen die Männer machen, was sie wollen. Man kann davon ausgehen, dass Anil total verwöhnt wurde und das sieht man ja heute noch. Wenn der mit seinen Eltern vom Einkaufen kommt, dann hat der die Tüten voller Süßigkeiten. Der hat die richtig im Griff. Wenn er nämlich nicht bekommt, was er will, dann rastet der aus und wirft sich auf den Boden, auch mitten im Supermarkt. Ist ja klar, dass die dann ganz schnell klein beigeben.“ Dieser Interpretation stimmen alle Mitarbeiter zu, auch Babette, die Anil gegenüber durchaus Zuneigung empfand, denn er konnte auch witzig und süß sein, doch auch für sie war klar, dass es „mit ihm so nicht weitergehen kann. Er ist einfach zu viel für die Gruppe“. Sehr fortdauernd, sehr beharrlich beschreiben sie Anil als jemanden, der unaushaltbar ist, in seinem Fordern um – wie sie es gerne nennen – Aufmerksamkeit und Bedürfnisbefriedigung. Die Lebensjahre, die Anil etwa schon früh in Kinderheimen verbrachte, sind für die Mitarbeiter um ihn herum etwas, das sie eigentlich nie erwähnen und wenn, dann äußern sie die Vermutung, dass er “es dort doch gut gehabt hat, zumindest hat man nichts schlechtes gehört, eher noch, dass er auch dort die Mitarbeiter überforderte und diese ihn auch bloß verwöhnt haben“. Erklären kann man sich sein Verhalten bis heute nicht. Man nennt es gelegentlich „seine Behinderung“ oder „seine Krankheit“, aber auch immer mit dem Zusatz „naja, eine von den Vielen“, denn Diagnosen hatte er einige.

Anils Eltern reden nur selten über ihren Sohn, sie scheinen eher nonverbal zu handeln, als hätten sie alle Be- und Zuschreibungen bereits aufgegeben. Wenn man sie fragt, wie sie die derzeitige Situation empfinden, antworten sie zunächst sehr knapp, „nicht gut“, ist die übliche Antwort, doch wenn man hartnäckig bleibt, immer wieder fragt, in einem Ton, der Verständnis andeutet, dann offenbart sich auch hier eine Geschichte: „Anil ist ein guter Junge, das ist er wirklich. Er kann manchmal ausflippen, ja, das hat er bei uns zu Hause auch gemacht, aber er ist ein guter Junge, wirklich, glauben sie das! Ich weiß auch nicht, wie man mit ihm umgehen sollte, aber die Mitarbeiter sind immer so böse zu ihm, sie sind gleich ganz giftig, wenn Anil was möchte, das habe ich schon gemerkt. Ich meine, ich kann verstehen, dass man von Anil überfordert ist, aber wieso muss man denn gleich so böse sein und alles verbieten? Anil ist ein guter Junge, wirklich!“

Anils Mitbewohner äußern sich nur selten über ihn. Immer mal wieder hört man so etwas wie „der nervt“ oder „halt endlich mal die Klappe, Anil“ oder „der ärgert die Mitarbeiter immer so, das finde ich nicht gut“. Manchmal kommt es zu expliziten Beschwerden: „Anil hat mir schon wieder mein Stofftier geklaut“, „Anil, hat schon wieder die Milch ausgetrunken“, „Anil hat sich schon wieder im Klo eingeschlossen“. Ganz selten hört man auch zartere Bekundungen wie „ich hab dich lieb, Anil“ oder „du bist mein Freund“. Die meiste Zeit aber ist Anil unter seinen Mitbewohnern, in einem Raum, der nur wenige Zuschreibungen enthält, man weiß also nie so recht, was sie tatsächlich von ihm halten.

Für die [austauschbare Heimleitungsperson][3], die einen ganz bestimmten pädagogischen[4] und menschlichen[5] Umgang pflegte, war die Sache ganz klar: „Krankheitsgewinn![6]“, war der Begriff, den sie favorisierte, wenn es um Anils Perioden der Selbstzerstörung ging. „Krankheitsgewinn“ war auch der erste Begriff, den sie Bernd V. entgegnete, als er ihr von der Einweisung erzählte und Robert F. daneben stand und nicht so recht wusste, was er dazu sagen sollte – denn immerhin wurde Anil ja ins Krankenhaus eingeliefert, genau das, was er wollte. Sie war der Meinung: „So lange er jedes Mal diesen Krankheitsgewinn hat, können wir pädagogisch gar nichts erreichen. Das muss jetzt aufhören mit der Klinik. Oder die geben ihm endlich ein Medikament, das hilft. Ich meine, das ist ja auch deren Verantwortung! Das ist ähnlich wie bei Carsten! Statt ihm Androcur[7] zu verschreiben, kann der einfach weiter seine Mitbewohnerinnen belästigen, das kann doch nicht sein! Ich meine, der geht bei denen ja in die Zimmer und dann das Onanieren im Wohnzimmer…! Aber da kommen die Ärzte dann immer mit ihren ethischen Bedenken. An die Opfer denken die nicht.“ Letztlich hat die [austauschbare Heimleitung] eine klare Perspektive auf Anil: „Der muss in eine therapeutische Wohngruppe. Bis dahin gilt es das auszusitzen.“ 

Ein anderer Psychiater[8] erklärte Anil so: „Für mich ist das eindeutig: Geringes Entwicklungsalter und kognitive Minderleistung bilden hier ein explosives Gemisch. Er ist überhaupt nicht fähig, seine Emotionen zu regulieren, das gelingt ihm nur durch Hilfestellung. Solche Phasen wie diese hier, sehen sie, er legt sich einfach auf den Boden, die gilt es zu ignorieren. Sie können sich daran abarbeiten, aber das bringt doch nichts. Aushalten und durchhalten. Ein bisschen Akzeptanz zeigen. Und am besten 1:1-Betreuung.“

Doch reicht das, um Anils Wesen zu beschreiben? Wahrscheinlich nicht. Man sollte auch den Werkstattleiter zu Wort kommen lassen[9]: „Wenn es so weitergeht, müssen wir Anil kündigen. Ich meine, wir haben hier schon alles probiert. Er sitzt schon lange nicht mehr bei den Anderen im Gruppenraum, er wird von unserem Werkleiter betreut, in regelmäßigen Einzelsitzungen. Von Arbeit kann hier natürlich gar keine Rede mehr sein. Wenn man Anil an ein Werkstück setzt, dann interessiert ihn das vielleicht maximal fünf Minuten, aber dann ist Schluss. In den Einzelsitzungen starrt er die meiste Zeit aus dem Fenster und sucht nach irgendwelchen Maulwürfen. Und dann – man muss gar nicht viel machen – explodiert er einfach und fängt an sich zu schlagen. Mit dieser Heftigkeit können wir hier nicht mehr umgehen, auch wenn wir das gerne würden. Es geht einfach nicht mehr.“

Den letzten Blick auf Anil wirft die zuständige Psychologin[10]. Seit einem halben Jahr besuchte er sie, um ein Entspannungstraining zu machen. Doch Anil hielt nicht viel von Entspannung, machte den Plänen der Psychologin stets einen Strich durch die Rechnung. Also versuchten Sie zu entspannen und wenn das nicht klappte, unterhielten sie sich. Die Psychologin sah das so: „Zumindest gibt es hier keine Sanktionen für Anil, das ist vielleicht schon ein kleiner Fortschritt. Die Erwartungshaltung ist hier also dahingehend klar, dass ich keine Leistungserwartungen an Anil stelle, jedoch durchaus, dass er sich an unsere vereinbarten Regeln hält. Und das klappt mehr oder minder gut. Ich habe das Gefühl, in kognitiver Hinsicht können wir hier nicht viel machen. Manchmal meine ich – aber das kann Selbsttäuschung sein –, er versteht, worüber wir reden, bspw. wenn ich ihn frage, wie es im Krankenhaus war und warum er dort hinmöchte. Aber eine klare Antwort erhalte ich trotzdem nicht. Dann will er gleich malen und dann will er spielen und dann ist unsere Zeit rum. Tragisch, irgendwie.“ 

Ist Anil damit beschrieben? Kann man hiermit von Anil als einem unendlichen Wesen, das in unendlichen Zuschreibungen existiert sprechen oder muss man sich eingestehen, dass sich Anil in einem Käfig befindet, dass er absolut gemacht wird, zu einem unaushaltbaren Geschöpf, einer ständigen Zumutung? Ist er lediglich ein beliebiger Problemfall in einer beliebigen [INST] wie jeder andere und liest man über ihn, dann meint man nichts Persönliches an ihm zu erkennen? Ihn vielmehr nur als Projektionsfläche zu begreifen? Was kann man über ihn eigentlich noch sagen? Vielleicht dies: „In den Zuschreibungen, die Anil täglich erfährt, irgendwo da, zwischen den Zeilen, wird er verantwortlich gemacht, für sein Verhalten, da ist er eine personifizierte Zumutung, gegen die kein pädagogisches Kraut gewachsen ist. Es scheint ganz klar: er macht es bewusst und absichtsvoll, er ist so unaushaltbar, weil er es sein will. Gleichzeitig scheint man zu „wissen“, dass er eigentlich nichts dafür kann, nicht so richtig, denn – so hat man es gelernt in der Ausbildung, auf den unzähligen Fortbildungen und vom Volksmund – Anil ist behindert und damit ganz klar unschuldig. Letztlich ist Anil das Kind zweier Welten, verdammt, beständig angeklagt und im selben Atemzug freigesprochen zu werden“. Ist das Anil? Vielleicht kann man sein Wesen nur streifen, das anscheinend ganz einfach zu beschreiben ist und dann auch wieder nicht. Man weiß es nicht. Und man weiß auch nicht, ob Anil, nachdem er mit Robert F. und Bernd V. einen Arztbesuch machte und auf einem öffentlichen Platz, direkt vor der Arztpraxis, begann sich zu schlagen und nicht mehr damit aufzuhören und danach in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, noch genau so weitermacht wie bisher, ob er immer noch maßlos ist und unschuldig und verdammt oder ob er, zwei Wochen nach dem Ereignis in seinem Zimmer gefunden wurde, mit einer Kopfwunde so groß wie eine Billardkugel an der Schläfe, aus der schon halbgeronnenes Blut austrat, auf den grün-gelben Teppichboden, den er stets verweigerte, sauber zu machen, nachdem er sich mit voller Wucht auf den pilzförmigen Knauf seines Kinderbettes geschmissen hatte, weil er an einem Freitagnachmittag in den Supermarkt gehen wollte, um sich weiße Schokolade in lilafarbener Verpackung zu kaufen, nicht am Dienstag oder am Donnerstag, obwohl er genau wusste, dass nur am Dienstag oder am Donnerstag eingekauft wird, manchmal auch am Samstag aber sicher nicht am Montag, nicht am Mittwoch, auf keinen Fall am Sonntag und definitiv nicht am Freitag, denn am Freitag ist Spielenachmittag in der Wohngruppe. Man weiß es nicht. Man weiß es einfach nicht. Aber, ist das überhaupt wichtig?

Entstehungsgesichte: In totalen Institutionen der „Behindertenhilfe“ wird viel geredet. Übereinander. Meinungen und Beschreibungen schwirren umher und inhumanisieren alle Beteiligten. Diese Geschichte sollte diesen Aspekt verdeutlichen und ebenso, wie kalt und ideologisch umnachtet sogar in Krisensituationen reagiert werden kann – wenn es kein Bemühen um ethische Reflexion der Arbeit gibt. Ein Mensch, der sich schlägt, wird – im Sinne schwarzer Pädagogik – als jemand gesehen, der versucht, seinen Willen durchzusetzen, in einem Machtspiel zu gewinnen. Verzweiflung über eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten wird dadurch verschleiert und als Ausdruck von unbegründeter Widerspenstigkeit fehlgedeutet. So ist hilfreiches Handeln nicht möglich.

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[1] Sie analysierten Anil nach einem Schema zur emotionalen Entwicklung, wonach er sich auf dem Niveau eines 18-36 Monate alten Kindes befand. Dementsprechend schätzten Sie ein, dass er durchaus fähig zum Rollenspiel sei, worauf sie ihm einen Arztkittel zur Verfügung stellten und ihn die Rolle „Arzt“ in einem kontrollierten Umfeld nachstellen ließen. Dieses Rollenspiel habe sowohl zu seiner emotionalen Stabilität beigetragen als ihm auch Momente der Wertschätzung ermöglicht. Dementsprechend wurde der Wohngruppe im Abschlussbericht vorgeschlagen, solche Rollenspiele im Alltag zu integrieren, neben einer möglichst durchgängigen emotionalen Ansprechbarkeit der Mitarbeiter für Anils Belange. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass diese Vorschläge als Provokation verstanden und – durch die Berufung auf einen chronischen Zeit- und Personalmangel in der Wohngruppe – relativ schnell abgewehrt wurden.

[2] Wobei Bernd V. auch die ein oder andere Beschreibung erhält, bspw. von Robert F.: „Ich habe selten einen derart seltsamen Menschen erlebt. Er wirkte manisch, ständig getrieben, sprach viel zu schnell und auf einen tiefgründigen Gedanken konnte man bei ihm nicht hoffen. In dieser Hektik, die er vermittelte, wirkte er fast, als würde er jede Sekunde entweder vor Überforderung anfangen zu weinen oder jemanden verprügeln. Wenn er einmal begonnen hatte über jemanden oder etwas zu erzählten, dann hörte er einfach nicht auf, egal, was kam, egal, wie sehr man ihn darauf hin wies, dass man jetzt keine Zeit hatte. Am schlimmsten war aber vielleicht seine Unterwürfigkeit gegenüber der [austauschbaren Leitungsperson], die er zwar hinter ihrem Rücken abwertete, aber sobald sie die Wohngruppe betratet, mit dem Speichellecken begann.“

[3] Babette beschrieb diese einmal als eine Mischung aus Medusa und Samson aus der Sesamstraße. „Also einerseits wegen diesen übertriebenen Locken, ich meine, wer macht denn sowas und wenn man mal darüber nachdenkt, haha, vor der erstarrt man auch manchmal, aber nur weil sie so langweiliges Zeug erzählt. Und andererseits Samson natürlich, weil die fast denselben Gang hat wie der Dicke, so blöd daher schlendernd. Außerdem hat die irgendwas, ich weiß gar nicht wie ich es beschreiben soll, sowas hinterfotziges, das merkt man schon in diesen Scherzchen, die sie gleich versucht mit jedem zu machen, so halb aggressiv irgendwie und mit dieser gewollten Berliner Schnauze, dabei kommt die irgendwo aus einem Kaff in Brandenburg, das ist echt peinlich.“

[4] Beispiel: Die [austauschbare Heimleitung] befand sich in einem Krisengespräch mit einem jungen Bewohner, der sich nicht an die Hausregeln halten wollte (er stand am Morgen nicht auf, blieb in der Nacht lange wach, wollte nicht die Arbeit besuchen), dessen Eltern, einem [Wohngruppenleiter] und einer Mitarbeitern. Der junge Mann saß am Tisch und hatte sein Gesicht in seine Hände vergraben. Die Mitarbeiterin erzählte allen Anwesenden minutiös von seinen Verfehlungen, so dass sich das Gesicht des Bewohners noch weiter in seine Hände zurückzog. Die Eltern waren sprachlos. Die [austauschbare Heimleitung] stellte immer wieder zwischendurch Fragen: „Was meinst du dazu …, sag mal, hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du damit den Mitarbeitern Ärger machst?“; „Wieso machst du das? Denk doch mal drüber nach, wieso machst du das eigentlich?“; „Meinst du denn es ist eine gute Idee, nicht zur Arbeit zu gehen? Hältst du das für akzeptables Verhalten?“; „Erklär uns doch mal, wie du das vielleicht besser machen kannst. Denk da jetzt mal drüber nach und dann sag uns das.“; diese rhetorischen Fragen formulierte sie dabei stets langgezogen und in einer Mischung aus lieblich und garstig. Der Bewohner antwortete darauf nicht. Was hätte er auch sagen sollen.

[5] Beispiel: [Die austauschbare Heimleitung] rief eine Mitarbeiterin im Krankenstand an: „Sie wissen, dass sie auch zum Dienst kommen können, wenn sie krankgeschrieben sind. Also wenn Sie sich besser fühlen natürlich. Gerade jetzt ist ja auch wirklich viel zu tun und – naja – so ein paar Stunden am Tag, das wird schon gehen, oder?“

[6] Krankheitsgewinn ist ein Begriff, der im sozialen Bereich des Öfteren verwendet wird – meist mit einem verächtlichen Unterton. Er soll beschreiben, dass Erkrankte auch Vorteile aus ihrer Erkrankung ziehen können, etwa durch die Verringerung von gesellschaftlichen Anforderungen (bspw. der Kranke muss nicht mehr arbeiten), aber auch durch eine verstärkte Zuwendung aus dem sozialen Umfeld. Ebenfalls kann das Umfeld aus einer Erkrankung Vorteile für sich ziehen, bspw. dadurch, dass es sich gebraucht fühlt, der Kranke auf es angewiesen ist. Was dieser Begriff weiterhin bedeutet, aber stets ausgeblendet wird, ist, 1) dass er auch eine Entlastung für das Helfersystem bedeutet, da er eine einfache Erklärung dafür bereit hält, dass die eigenen Hilfsmaßnahmen vom Erkrankten abgelehnt werden, wodurch eine Infragestellung dieser Hilfsmaßnahmen als auch des eigenen, professionellen Handelns umgangen werden kann –  und 2) dass er eine Bankrotterklärung für das Helfersystem – und weitergehend für eine Gesellschaft – darstellt, denn, wenn es einen Gewinn darstellt, den Kopf gegen eine Betonwand zu donnern, lediglich, um in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden zu können, um dort – was nur vermutet werden kann – Wertschätzung zu erfahren, dann ist das Ganze Verhältnis in dem sich alle Beteiligten befinden ein einziger Verlust. 

[7] ein Medikament, das die männlichen Geschlechtshormone hemmt.

[8] den Hartmut S., Wohngruppenhelfer, einmal knapp so beschrieb: „Typische, arrogante Arzt-Sau.“

[9] Hubert J.: „Du meinst diesen Typen mit den Birkenstocklatschen und dem Pferdeschwanz? Ob der bewusst ein Sozialarbeiter-Klischee sein will? Das hab ich mich auch schon gefragt.“

[10] Bernd V. über die Psychologin: „Eigentlich sollte die uns ja irgendwie helfen mit Anil, aber wenn man die was fragt, dann sagt die einfach nichts oder einfach nur, dass das alles nicht so einfach ist. Ich meine, wie soll das denn helfen? Da kommt einfach nichts, das ist viel zu wenig. Die druckst immer nur rum. Also ich hab das Gefühl, da mangelt es auch einfach an Fachlichkeit. Ich kann mich an den Psychologen bei meinem früheren Arbeitgeber erinnern, der hat immer ganz klar gesagt, was wir machen sollen, bspw. wenn einer depressiv war oder schizophren oder sowas, der konnte einem immer ganz klare Ansagen machen. Aber die…ne, die is glaub ich hier fehl am Platz, die is mit Behinderten glaub ich überfordert, die sollte da mal noch ein paar Lehrgänge machen, ich meine, es is ja klar, dass Struktur das wichtigste für die Behinderten ist, aber die kapiert das glaube ich nicht so ganz. Also die…ne, muss nich sein.“


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