#Mystery-Prosa: Die Ordnung aller Dinge

Ein sehr guter (einer der besten) Freunde (der große Kon Gôcher) schrieb unter diesen Text, als er ihn gnädiger Weise im Zusammenhang mit anderen Werken lektorierte und schrieb lediglich darunter: Absurd! Weshalb ich mir dachte, das ist was für euch. Wenn ihr herausfindet, worum es in dem Text geht (etwas Theoretisches, das mir damals durch den Kopf schweiberte), dann bekommt ihr von meinen eine ernstgemeinte, herzliche Umarmung oder einen liebgemeinten, verdrucksten Ferngruß – je nachdem, was ihr braucht. Viel Spaß.

Die Ordnung aller Dinge

Ich sah damals aus dem Fenster und dachte ich hätte sie begriffen, sie endlich in meinen Händen gehalten diese wunderbare Einsicht. Sie schien sich mir ins Bewusstsein zu schieben an diesem Tag. Durch eine simple Beobachtung. Sogar so simpel, dass Passanten darin vorkamen. Diese latschten, auf den ersten Blick, willkürlich auf dem kleinen Platz vor meiner Wohnung durch den Schnee. Das taten sie schon den ganzen Nachmittag und es war ein Chaos – jeder wie er wollte, manche zwei-, dreimal, als ob sie nichts Besseres zu tun hatten, manche wild und ungestüm, manche von einer irritierenden Zaghaftigkeit befallen, manche mit sehr breitem Gang und manche als wären die Beine zusammengebunden gewesen. Ich mag ja Menschen, obwohl ich sie eigentlich nicht mag, aber manchmal mag ich sie gar nicht. Manchmal dagegen aber auch sehr. Nicht so wichtig – obwohl: Solche Absurditäten der Empfindung machen Beliebigkeit manchmal notwendig. Oder auch nicht. Ist eigentlich egal. Diese Menschen jedenfalls nahmen plötzlich logische, vorhersagbare Wege ein. Das Chaos verwandelte sich von einem Treiben in ein reibungsloses, mechanisch cooles Gleiten, so, als würden sie Kreisbahnen von größerem und kleinerem Radius über den Platz ziehen und – seltsamerweise – in diesen verbleiben. Es waren nicht viele, vielleicht 10, 15 Leute, die nun schon länger als eine Stunde auf dem kleinen Platz herumkreisten, ohne sich dabei zu berühren, sehr sauber und geschmeidig. Newton hätte bei solch einem Anblick wahrscheinlich “Heureka” gerufen, oder einfach nur “Aha” gesagt. Ich war zu so einem Schluss jedoch nicht bereit, denn auch dieser war mir zu groß. Aber attraktiv! Ich beobachtete weiter und sah, wie ein Herr den ganzen Vormittag die Tür seines Autos zuschlug und wieder öffnete. Das Prinzip der Wiederholung. Alles kommt wieder. Der Kreis als ewiges Symbol. Genial! Beliebig! Ich konnte exakt vorausberechnen, wann etwas geschah. Ein Maurer fiel von seinem Gerüst, auf die Sekunde genau, dann folgte das Zusammenziehen der Passantenströme um den Gefallenen herum – was genau zehn Sekunden später geschah – und deren rapider Zerfall in kleinste Partikel nach der Abfahrt des Krankenwagens – alles war sinnhaft, geordnet, gut durchchoreografiert. Eine wunderbare, einfache Einsicht zwang sich mir auf: Der Mensch gehorcht uralten, universalen, unendlichen Gesetzen und seine Entzifferung war nichts weiter als eine größere mathematische Anstrengung – obwohl ich mit Mathe eigentlich wenig anfangen kann.

Ich kaufte mir vor einiger Zeit ein Buch mit dem Titel „Mathe-Genie“ oder ähnlich –
fällt mir gerade nicht ein, vielleicht schlage ich es noch
einmal auf oder nach (oder auch nicht) – und es behandelte das Thema Kopfrechnen in seinen
wunderbaren, faszinierenden Variationen, weshalb ich es auch umgehend als
unverzichtbares Hilfsmittel zur Hand nahm, um im Supermarkt
nicht mehr wie ein Halb- oder Volldebiler
rüberzukommen, wenn ich versuchte meinen Einkauf geistig nachvollziehbar
zu machen und die Crux an der Sache war dann jedoch, dass ich es zwei Wochen
 sehr interessant fand, um es danach in das Bücherregal zu legen und
es nie wieder anzufassen. Wahre Geschichte. Langweilig, aber wahr.
Wie jede gute Literatur. Und so wirke ich bis zum heutigen Tag
in jedem Supermarkt dieser Republik noch immer wie ein Volldebiler. 

Dann geschah jedoch etwas Mysteriöses. Einige der Passanten rotteten sich zu einer kleinen Gruppe zusammen und sahen zu mir herauf. Sie wuselten hin und her. Zuerst wie ich dachte in Kreisbahnen, jedoch war dies nur konventionelle Überlegung, da ich mich zu oft mit Planeten beschäftigt hatte, genau wie dieser eine Physiker…hm, komme nicht drauf. In der Mitte stand jedenfalls eine kleinwüchsige Frau in einem pinken Ski-Anzug. Einige der Passanten aus der kleinen Gruppe, die mittlerweile bemerkt hatten, dass ich sie beobachte, fingen an kleine, unscheinbare Päckchen in meine Richtung zu werfen, die an meiner Fensterscheibe glücklicherweise abprallten. Soweit ich erkennen konnte, waren die Päckchen alle von derselben Größe, in braunes Packpapier eingewickelt und mit einer gelben Schleife verziert. Dieses Verhalten wunderte mich schon sehr, denn ich hatte mich eher als unbeteiligten Beobachter verstanden. Das weit seltsamere an ihrem Verhalten war jedoch, dass sie, sobald sie ihre Päckchen nach mir geworfen hatten, an einer anderen Stelle wieder auftauchten, einfach so, völlig unvermittelt. Sie schwirrten in dieser Art und Weise hin und her, in einem kleinen Radius um die kleinwüchsige Frau im pinken Ski-Anzug herum. Das war höchst beeindruckend, veränderte es doch die grundsätzliche, vielbeobachtete Vorstellung davon, wie Passanten sich normalerweise verhalten. Ich überlegte ein wenig und kam dann auf die Idee, dass ich mich all die Jahre getäuscht haben musste. Ich nahm stets an, dass, wenn sich eine Gruppe von Passanten um eine kleinwüchsige Frau in Pink versammeln würde, diese anderen Passanten nach und nach langsamer werden würden, um dann am Ende in die kleinwüchsige Frau hineinzustürzen. Das war natürlich noch nie geschehen, theoretisch hätte es aber so sein müssen. Ich spürte Demut, bereute meine Hybris und zog langsam die Vorhänge zu. Da hatte ich wieder von der Wahrheit gekostet, nur um mich hinterher noch blöder zu fühlen und ich flüchtete in eine gemütliche Beliebigkeit darüber, dass alle Passanten irgendwie doof sind. Das war nämlich das Problem mit der Wahrheit: Sie entgleitet nur allzu gern. Fast wie ein mit Butterschmalz eingeriebenes Biberbaby am Staudamm der Unendlichkeit, unten am Fluss des Universums, in Ewigkeit, Tschawarma.

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