#Musiktheorie: Bilderbuch

Kürzlich hörte ich auf Radioeins eine der neuen Singles von Bilderbuch („Im not gonna lie“) und Kathrin Wosch laberte ein wenig davon, dass sie nicht verstünde, in welcher Sprache die Lyrics nun eigentlich seien und ob man als Hörer da eine Ahnung haben würde. Dies erinnerte mich an eine der wahrscheinlich künstlerischen Prämissen Bilderbuchs, die Sänger Maurice Ernst einmal hier kundtat (in Bezug auf den Song Bungalow und die Liedzeile „Ich hab kein Power für mein Akku“, die durch die Betonung des Sängers interessant „getuned“ wird):

„Da ist die Idee weniger einen Text zu erzählen, als der Ansatz, wie kann man Wörter, die eigentlich trotzdem im Deutschen vorhanden sind, so aussprechen, dass sie eigentlich afrikanisch klingen. Da-Bakke-Dude-Akke-Datn. Es ist nicht anderes als ein Scat, der gottseidank noch mit Wörtern gefüllt ist, die noch dazu extrem geil sind. Du kannst damit einfach was bauen und Musik machen und ich glaube, das ist etwas, was einfach ein bisschen vergessen wurde, dass das möglich ist im Deutschen.“

Und weiter:

„Mir ist schon klar, dass es gewisse Leute nicht verstehen, aber es ist auch lustig. „Ein Bauer in Monaco“ oder „Ich will ne Bar in Monaco“ und was da noch alles dazugekommen ist. Von dem her: Hey, fair enough. Ich denke wichtig ist, dass es groovt und wenn die Leute irgendwann draufkommen: Hey das heißt das, macht es auch wieder im Ganzen Sinn und ist eine doppelte Erlösung. Und alle singen mit und alle denken: Boah, das ist geil, denn der Satz verfolgt dich im Alltag die ganze Zeit.“

In Bezug auf diese Prämisse (nennen wir sie: kreativer Umgang mit Sprache und Betonung um unterschiedliche Eindrücke und Assoziationen zu wecken, an andere Sprachen zu erinnern und eine gewisse groovi- und flowiness entstehen zu lassen) ist dieser Song absolut gelungen und stellt eine Weiterentwicklung dar: Das Gesungene wird noch flowiger und noch weniger sprachlich zuordenbar. Abgesehen davon, dass es cool klingt (und wahrscheinlich auch soll), ist es eine spannende Herausforderung an die Hörgewohnheiten und durch diese die Rezeption unterbrechende Verwirrung erlangen m.E. die Songs von Bilderbuch eine spannende Tiefe, die wahrscheinlich weniger intellektuell-konzeptionell als vielmehr emotional oder assoziativ zu verstehen ist. Gleichsam ist Bilderbuch ein Pop-Art-Projekt, würde ich mal sagen, und spielt kreativ mit weiteren Dingen als nur der Musik, so auch Erscheinungsbild, Klamotten, Style, Bühnenshow etc., Dinge, die ich nicht verstehe, deren aufwändige Inszenierung ich aber anerkenne und auch – ohne es begründen zu können – irgendwie geil finde.

Hier aber zunächst die angesprochene Single zum Reinhören:

Und hier der Text noch einmal in Gänze:

[Verse 1]
ich erzähl dir was i’m not gonna lie
wir sind zerbrochen nur an uns zwei
du gehst deinen Weg und ich geh heim
maybe baby that’s life
alles verschwimmt so wie reflections
in einem Wasserhahn
anxiety is calling
für mich scheint die sonne die ganze Nacht
Schuscha, diese Welt ist im Shake

[Chorus]
schuscha schuscha schuscha
meine Welt ist in a shake
schuscha schuscha schuscha
diese welt ist in a change
schuscha schuscha schuscha

[Verse 2]
ich erzähl dir was i‘m not gonna lie
mein Herz ist leider nicht so hart wie stein
fließt quecksilber durch deine adern
oder sag mir warum bist du so kalt zu mir
schuscha diese welt ist in a change

[kurzer Einschab nach dem Gitarrensolo]
und jetzt schaust du auf mich sideways

Musikalisch interessante Eigenheiten

1) Zunächst: Die zweite Strophe ist kürzer als die erste und endet mit einer kurzen „Instrumentelei“, bevor es zum zweiten Mal in den Refrain, m.E. eine gute Entscheidung für den Spannungsverlauf des Songs. Mit sehr wenig Aufwand wird dadurch Abwechslung erzeugt, die zunächst nicht bewusst auffällt, im Hörerlebnis aber interessant und wendungsreich daherkommt. Coole Sache.

2) Die harmonische Grundstruktur scheint auf den ersten Blick simpel, auf den zweiten wird es aber interessant. Die Akkord des Songs sind hauptsächlich in Dur (ich meine hier die Tonart F-Dur zu sehen, auch wenn das G-Dur hier nicht so ganz reinpassen möchte, stattdessen ist das verminderte B(b) im Zusammenspiel mit den C-Dur und F-Dur-Akkorden für mich noch nicht anders erklärbar). Doch die Stufenabfolge (also die Bewegung der Akkorde) ist spannend. In der Strophe sieht diese so aus:

Stufen: V – II – IV – I

Nun ist es nicht ungewöhnlich eine Progression mit einem Sprung von der Subdominante auf die Tonika zu beenden, die Progression allerdings mit der Dominante zu beginnen ist zumindest ungewöhnlich. Ich verstehe noch nicht, warum die Subdominanten-Parallele in Dur und nicht in Moll gespielt wird, aber weiter unten führe ich eine Annehme näher aus, weshalb es so ist und musiktheoretisch Sinn macht.

Der Refrain hingegen ist catchy und nice instrumentalisiert (Kopfstimme ist einfach great) und auch hier, gibt es diese seltsame Dur-/Moll-Verdrehung auf der Stufe II:

Stufen: I – II – V – II – I

Der Refrain bewegt sich dahingehend von der Tonika (I) zur Dominante (V) und wieder zurück, mit den Zwischenschritten über die eigentlich Subdominanten-Parallele (II), die hier keine ist. Der Klassiker (die einfache Kadenz) wäre hingegen: I – IV – V – I. Musikalisch ist das nah dran, aber eben doch noch einmal anders. Hier die Hörprobe (Videovergleich von I – IV -V; I – II – V; I – II (Dur) – V:

Nun habe ich eine Idee, wie man dies musiktheoretisch erklären könnte (das heißt, es wird etwas technisch) und zwar durch das Prinzip der diatonischen Modulation, eines Tonartwechsels zwischen zwei Tonarten, die sich gemeinsame Akkorde teilen. In diesem Fall wäre es ein Tonart-Wechsel zwischen F-Dur und C-Dur, da diese beiden Tonarten sich folgende Akkorde teilen (4 von 7): F, C, Am, Dm. Sie unterscheiden sich jedoch im G/Gm, Em/Edim (vermindert), H/Bb. Die beiden Tonarten liegen zudem im Quintenzirkel nebeneinander, anbei also noch einmal die Visualisierung der „Verwandtschaft“:

Hoffentlich gut erkennbar.

Das heißt, G-Dur könnte eine Doppeldominante sein, also die Dominante der Dominante von F-Dur (G-Dur, die wiederum die Dominante von C-Dur ist). Dies würde das G-Dur erklären, ganz sicher bin ich mir jedoch nicht (für diese Annahme spricht jedoch, dass derselbe Fall beim Liedchen „Jingle Bells“ auftritt, wie hier zu sehen ist). Es könnte sich auch um ein hochalteriertes D-Moll handeln, also eine Alteration von D – F – A auf D – F – Bb. Wer von den Lesern versiert ist (@Olecordson?), möge sich gerne dazu äußern.

Den Zwischenpart beim Gitarrensolo lasse ich hier mal weg, er ist schön anzuhören, bringt auch hier wieder Abwechslung rein und jo, ist einfach gut. Ich bin gespannt, ob ich das Rätsel des Gs in Dur noch lösen werden, auf jeden Fall empfehle ich euch diesen Song von Bilderbuch und prinzipiell die Band mit ihren kreativen Ideen und ihrem verwaschenen, „babylonischen“ Gesang (mein persönlicher Favorit ist der Song „Bungalow“, denn dieser ist witzig und eingängig und lässig).

Ich war übrigens gestern auf dem Bilderbuch-Konzert in der Philharmonie und es war sehr, sehr gut (bis auf den Sound leider, der nicht komplett auf der Tribüne ankam, was ich mir irgendwie nicht erklären kann, in einem Gebäude, das für eine fabelhafte Akustik gebaut wurde). Die Interpretation der Songs war „rockiger“ als erwartet. Unter anderem spielten Bilderbuch eine Version des Songs „Spliff„, die grandios war (auch nochmal ganz besonders die beiden Drummer, rhythmisch brillant!), hier ein Ausschnitt des Solos vom Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie, viel Spaß damit:

Und bis zum nächsten Mal…

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