#Showyourworkprocess: Arbeit an einem Gedicht – I

Ich dachte, es wäre mal wieder an der Zeit, an einem Gedicht zu arbeiten. Also richtig zu arbeiten. Nicht schnell aus einem nebulösen Geisteszustand heraus entwickeln, einer relativ unbewussten Korrektur unterwerfen und abschließen, sondern planvoll, sich zeitnehmend, Aufmerksamkeit und Mühe investierend, ein durchdachtes und durchfühltes Werk schaffen. Also mache ich es einfach mal und lasse euch dabei zusehen. Vielleicht bringts euch ja was.

Thema: Ein tatsächliches Thema schwebt mir gerade nicht vor, aber mir lief ein wunderbarer Begriff über den Weg (eine Wortschöpfung des großen B.F.): „Lernende Netzwerke“. Nice! Ich spüre die Assoziationen bereits in mir hervorkriechen und halte diese im ersten Schritt fest.

I – Assoziationsraum einrichten (Funktion: Themafindung): Computer, modulares Lernen, Netzwerktechnik, IT, Internet, Ethernetkabel, Kybernetik, Netzstrukturen, neuronale Netze, Assoziationsnetzwerke, Künstliche Intelligenz, neuronales, digitales Lernen, Konstruktivismus, E-Learning, Usability, Gemeinschaften, Lerngruppen, Lernmenschen, Lerngesellschaften, Lernkollektive, Neuronen, Synapsen, Mylierung, Bereichsaktivierung, neuronale Veränderung durch Übung, Einfluss von Geist auf Materie, Lernen als nebulöses Dazwischen, planvolle Verweigerung…

Dieser kleine Erguss dient mir nun (er kann, er muss nicht) als Orientierung, als ein Grund, auf den ich bei Gelegenheit zurückkehren kann, der aber nicht festlegend ist. Nun gilt es Interesse zu entwickeln für Themen, Bilder, Metaphern und natürlich ist das Technologische hier ein Aspekt, den ich spannend finde, gleichsam aber auch die Grenze zwischen Technologie und Mensch, die Schnittstelle, die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten. Assoziationen, die vielleicht nicht ganz unüblich sind.

Ich habe mich in letzter Zeit vorsichtig mit Ernst Jandl beschäftigt und bin reichlich fasziniert. Hier ein Artikel aus „Theorie der modernen Lyrik“ von Walter Höllerer, in dem Jandl das Arbeiten an seinen Gedichten darstellt (was ich persönlich nicht nur höllisch sympathisch, sondern auch äußerst lehrreich finde) und das zauberhafte Werk „wien: heldenplatz“.

Hier nun aber nochmal „wien: heldenplatz“ leserlich, weil es wirklich fantastisch ist:

wien : heldenplatz

der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick
und brüllzten wesentlich.

verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

Und hier nochmal zum Hören: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/wien-heldenplatz-1229.

II – erstes freies Arbeiten am Wort (Funktion: Findung einer Struktur): Inspiriert hiervon möchte ich also zunächst mit einigen Wortspielen beginnen.

Teil I
Lernende Netzwerke
Lernwerke
Netzlernen
Lernnetze
Werknetze
Werklernen
Gelerntes Netzwerk
Gewerktes Lernen
Lernendes Werk das netzt
Netzendes Werk das lernt
Genetzlerntes Werken
Genetzwerkte Lerchen
Gelerchte Werknetze
Genetzlerchte Werke
Lerchendes Werknetzen
Netzendes lerchwerken
Lerchen die netzen und werken
Netze die werken und lerchen
Lärchende Fetzwerke
Fetzende Werklärchen
Gelärchte Werkfetzen
Fetzige Lärchwerke
Lärchen die fetzen die werken die schwärmen

Teil II
Gelärchte Schwärmwerke
Schwärmendes Fetzwerken
Schwärmerisches Lärchwerk im Netz
Geleckte Lernschwämme
Lernender Leckschwarm schwämmig
Netzschätze lernen
Grätzwerke schätzen
Gelärmte Werkhetze
Sätze der gelernten Hetze im Netze

In Teil II gelingt die Begriffssubstitution nicht mehr und die Assoziationen werden sehr frei, wenngleich auch witzig. Mir gefällt zunächst die Ordnung die sich aus diesen Wortumstellungen ergibt und mir gefallen die entstehenden Bilder. Welcher Bezug auf die „Lernenden Netzwerke“ ergibt sich daraus? Innerhalb der Assoziationsreihe findet eine Weiterentwicklung, ein Lernen statt. Nachdem die ersten Versuche (bis Genetzlerntes Werken) lediglich Reproduktionen desselben in anderer Konstellation darstellen, verändern sich dann sukzessiv die Wortteile und es entstehen neue Bedeutungsmöglichkeiten. Hier könnte man einen Lernprozess im Gedicht selbst abgebildet sehen: Nachahmung, Variation und schließlich Neuschöpfung. Diese Überlegung gefällt mir und ich möchte zunächst bei diesem Ansatz verbleiben. Doch was gibt es hier noch zu tun? Wenn wir das Computerhafte, das Technologische auch hier abbilden möchten, sollte in der Überarbeitung auf Genauigkeiten und Einheitlichkeit der Wortumstellung geachtet werden. Die Umstellung müsste in einer logischen Abfolge passieren und das immer und immer wieder. Analog zu einem Vorgang in der IT, vielleicht zur Abfolge eines Programms.

Iteration (von lateinisch iterare ,wiederholen‘) beschreibt allgemein einen Prozess mehrfachen Wiederholens gleicher oder ähnlicher Handlungen zur Annäherung an eine Lösung oder ein bestimmtes Ziel. Mit dieser Bedeutung erstmals in der Mathematik verwendet, ist der Begriff heute in verschiedenen Bereichen mit ähnlicher Bedeutung in Gebrauch. Beispielsweise in der Informatik wird nicht nur der Prozess der Wiederholung, sondern auch das Wiederholte selbst als Iteration bezeichnet. In anderen Bereichen beschränkt sich die Bedeutung wie im lateinischen Ausgangswort auf das Wiederholen, beispielsweise in der Linguistik.

Ich sprechen ab sofort also von Iterationen (als unscharfer Leihbegriff). Spannend fände ich die Rückkehr zum ursprünglichen Begriff der „Lernenden Netzwerke“. Im nächsten Arbeitsschritt könnte dies also versucht werden.

III – Einwände zur bisherigen Überlegung zulassen und dokumentieren (Funktion: Reflexion des Prozesse): Im nächsten Schritt möchte ich innere Kritiken, Bedenken, Sorgen, aber auch spontane Ideen festhalten. Hierfür verwende ich das einfachste Werkzeug der Welt: ein ungeordnete Liste:

  • Einwand: Falls das Gedicht zum ursprünglichen Begriff zurückkehren soll und dabei eine konsistente iterative Struktur aufweisen soll, könnte es extrem lang werden. Nun sind lange Gedichte per se nicht schlecht. Die Gefahr besteht jedoch darin, genügend Spannung innerhalb des Gedichtes aufrechtzuerhalten, um einen Anreiz zum vollständigen Lesen zu schaffen.
  • Idee: Mir schwebt ein animiertes Gedicht im Sinne einer Cyberpoesie vor. Ich recherchiere gerade bezüglich Animationssoftware. Ebenfalls wäre vorstellbar die visuelle Form eines Mindmaps zu wählen, um das „Netzwerk“ auch visuell abzubilden. Animiert hieße das: Ein Mindmap, das sich vervollständigt und zum Ursprungspunkt zurückkehrt.

Hier geht es weiter mit Teil II

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