#Showyourworkthoughts: Dialogische Poesie und Urteilen

Worüber ich diese Woche nachgedacht habe:

Ich habe darüber nachgedacht, auf welche Art und Weise ich Gedichte lesen sollte. Derzeit konsumiere ich diese sehr schnell, fastfoodartig, das ist eine Schlingerei. Doch Vorhaben wie langsam Lesen und „sich reinfühlen“ finde ich schwierig umsetzbar. In dem gar nicht so uninteressanten Buch „Wie man ein Buch liest“ wird empfohlen, Gedichte zunächst schnell und in einem Schwung zu lesen, auch wenn sich kein Verständnis einstellt, um einen Eindruck von der Komposition, dem Rhythmus zu erhalten. Im zweiten Durchgang sollte es laut gelesen werden, auch hier, um tiefer in die Komposition zu gelangen, um im Anschluss stilistische Fragen an den Text zu stellen: Gibt es Schlüsselwörter? Zentrale Konflikte? Welche Wörter sind hervorgehoben und warum? Gibt es Wiederholung und warum? Und so weiter. Ich probiere es mal aus.

Ich habe ebenfalls darüber nachgedacht, wie Poesie und Digitalität zusammengehen können. Zudem: Welche Form kann ein Gedicht im Digitalen haben oder überhaupt ein „moderndes“ Gedicht. Paul Celan soll gesagt haben: Ein Gedicht ist ein Gespräch, manchmal ein verzweifeltes Gespräch. Und: „Das Gedicht ist eine Erscheinungsform der Sprache und damit seinem Wesen nach dialogisch“. Und: „Das Gedicht will zu einem Anderen, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu“. Damit ist zunächst das grundsätzliche Verhältnis von Gedicht und Rezipient gemeint: Alles Geschriebene ist ein Geschriebenes an Jemanden. Allem Geschriebenen liegt also dieses dialogische inne, was eher verstanden werden kann als „die Rezeption suchend“ statt als tatsächlich den Dialog, wenngleich ein Gedicht vielleicht auch im Stande ist zu antworten – zumindest einen virtuellen Dialog zu führen. Umso faszinierender ist daher die Frage: Welche lyrischen Dialogformen sind möglich – gerade in Zeiten der Digitalisierung? Etwa eine Plattform, die Antworten zulässt auf lyrische Äußerungen, lyrisches Sprechen (was im Prinzip jede Social-Media-Plattform ist)? Ist ein lyrischer Dialog überhaupt sinnvoll, muss dieser explizit stattfinden oder genügt auch der Dialog im Rezipienten? Möchte ich eigentlich nur – selbstsüchtig- mit anderen Menschen lyrisch kommunizieren und arbeite ich mich an einer Frage ab, die nur mich betrifft? Antworten habe ich noch keine gefunden. Eigentlich habe ich also über „Dialogische Poesie“ nachgedacht und nicht über Poesie in der Digitalität, fällt mir auf.

Ich habe weiterhin darüber nachgedacht, wie „Dialogische Poesie“ aussehen könnte. Als wesentliches Merkmal des Dialogs ist Gegenseitigkeit eine Grundvoraussetzung (These). Die Dialogpartner gehen auf das Gesagte des anderen inhaltlich ein. Jedoch auch auf die unausgesprochenen Implikationen (das macht den Dialog gerade so spannend). Zumindest beziehen sie sich aufeinander – in Abgrenzung zum Monolog, der ebenfalls in dialogischen Situationen auftreten kann (bspw. daran erkennbar, dass eine Person ohne Unterlass spricht). Welche Kriterien könnte also ein poetischer Dialog aufweisen? Ein gemeinsames Thema (K1)? Während eine Vielzahl an Dialogen von einem gemeinsamen Thema profitieren, diesen gerade erst ihre Sinnhaftigkeit und Kraft verleihen (These: ein gut geführter Dialog über eine konkrete Angelegenheit hat mehr Potential Erkenntnis hervorzubringen als ein einsames Grübeln in der Dachkammer – schon allein durch die Anreicherung des Sachverhalts durch eine andere Perspektive. Allerdings unter weiteren Bedingungen wie gegenseitige Anerkennung, grundlegendes Wissen über den Gegenstand bei den Dialogpartnern und weitere…toll, abgeschwiffen), ist gerade das Gedicht ein thematisches Mosaik. Natürlich kann man Hauptthemen, rote Fäden ausmachen, doch da das Gedicht eine stark assoziativ angereicherte (durch eine nicht alltägliche Verwendung von Sprache, bzw. von Wortkonstellationen, die im Alltag nicht auftreten) Konstruktion ist und auch seine Stärke daraus bezieht (These), scheint eine thematische Eingrenzung wenig sinnvoll. Hier scheint eine gewisse Freiheit angezeigt zu sein. Welche Sprechakte (K2) sind für einen poetischen Dialog geeignet? Auch hier scheint es keine tatsächlichen Grenzen zu geben. Fragen, Antworten, Beschreiben, Behaupten, Widersprechen, Mahnen, vielleicht sogar Drohen, Loben, Verführen, Überzeugen. Wie in jedem Dialog sollte vielleicht auf Beleidigungen verzichtet werden, aber im Gegensatz zu anderen Dialogformen (bspw. sollte man in einem professionellen Dialog weder verführen noch drohen) scheinen hier viele Sprechakte angebracht zu sein. Also scheint auch hier eine gewisse Freiheit angezeigt zu sein. Hinsichtlich der Form der Sprache (K3) scheint es jedoch klare Kriterien zu geben. Diese sollte natürlich nicht alltäglich sein – die Lyrik versucht diese ja gerade zu überwinden. Eine kreative Sprache, das heißt, eine Sprache, die bestimmte Bedeutungen versucht in anderen Worten auszudrücken oder durch bestimmte Worte andere Bedeutung zu entdecken, scheint hier das Mittel der Wahl zu sein. Eine versuchende, wagemutige, experimentelle, durchaus auch – wenn nötig – kryptische Sprache sollte ein formales Kriterium sein. Weiter bin ich dann nicht mehr gekommen.

Ich habe ebenfalls darüber nachgedacht, weshalb ich mich in letzter Zeit nicht mehr mit dem Urteilen beschäftigt habe. Mir erschien das Thema zu umfangreich und ich habe mich etwas darin verloren. Das Ziel meiner Auseinandersetzung damit war (und ist noch) einerseits einen Einblick und damit eine Vorstellung vom Urteilen als Vermögen (also auch dessen Stärken und Schwächen) zu erhalten und andererseits – als nutzbringendes Substrat – ein paar Regeln ableiten zu können für Situationen des täglichen Lebens. Derzeit weiß ich nicht mehr so recht, an welcher Stelle ich mich befinde und ein hemmender Gedanke („meine Güte, das ist so groß, an substantielle Erkenntnisse kommst du eh nicht heran“) hält mich auf. Dabei sind Erkenntnisse – wenn auch nicht substantiell – besser als keine Erkenntnisse. Das heißt, ich werde mich wieder hineinbegeben in dieses Monstrum und versuchen, etwas herauszufinden (das Interesse ist ja nach wie vor da, wenngleich etwas in den Hintergrund getreten). Folgende Hinweise zum „guten Urteilen“ konnte ich bisher für mich festhalten:

  1. Vor der Urteilsbildung: Repräsentativ denken, also vom Standpunkt jedes Anderen aus denken. Darunter verstehe ich die Betrachtung eines Gegenstandes aus unterschiedlichen Perspektiven, die es einzunehmen gilt. Perspektivübernahme also. Etwas, was man als Mensch prinzipiell beherrscht, bei manchen Beurteilungen aber vergisst oder vergessen möchte. Ein gutes Urteil jedoch lebt von der Analyse des vielgestaltigen Gegenstandes (Hannah Arendt würde wohl Erscheinung dazu sagen). Eigentlich banal. Ich befürchte jedoch, der Mensch macht davon viel zu selten gebrauch.
  2. Den Geltungsbereich des Urteils klar abstecken: Eine der Schlimmsten Geißeln des Denkens sind Allaussagen und Verallgemeinerungen – wenngleich diese auch Teil produktiven Denkens sein können. Wer sein Urteil kennt, der weiß auch, für welchen spezifischen Bereich es Gültigkeit beansprucht. Das heißt, wer sein Urteil kennen möchte, muss auch seine Schwächen kennen. Es gilt also stets auch Ausnahmen des Urteils zu finden. Dies ist nichts anderes als eine demütige Verbeugung vor der Komplexität der Dinge. Würden wir öfter konkrete Urteile fällen, ich vermute wir lebten eine klügere Gesellschaft.
  3. Dem Gegenstand angemessene Begründung finden: Bedeutet einfache Kausalitäten für komplexe Phänomene und einfache Begründungen für schwierige Geltungsansprüche sind verlockend, machen total Spaß (weil man sich dann wieder auf seine Briefmarkensammlung konzentrieren kann), provozieren ohne Ende, dienen letztlich jedoch eher der Verklärung als dem Erkenntnisgewinn. Hierfür wollte ich mir noch ein beispielhaftes Urteil genauer ansehen, wozu ich die Tage vielleicht noch kommen werde. Vorschau: Es geht um die Beurteilung der Impfwirksamkeit.

Letztlich interessieren mich soziale Urteile ganz besonders. Dies mag an meiner beruflichen Erfahrung liegen, denn seltsamer Weise urteilt man im sozialen Bereich tatsächlich nicht angemessener über Menschen als in anderen Branchen. Auch dort gibt es Denkabkürzungen, Fehlinterpretation, Verdinglichungen und Personalisierungstendenzen. Dieses Thema war lange Zeit eine Herzensangelegenheit (oder Frustrationsangelegenheit) von mir, doch da ich aus diesem speziellen Bereich nun schon länger raus bin, ist davon nur noch ein Schatten übrig, was unterschiedliche Gründe haben mag. Ich werde mich wieder damit beschäftigen.

Das wars erstmal. Wer es bis hierher geschafft hat: Danke fürs Lesen und vielleicht war ja etwas interessantes dabei. Bis zum nächsten Mal.

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