#Musiktheorie: Putzlicht – Nils Frevert

Zunächst einmal gilt es, dieses wirklich schöne Lied von Nils Frevert (Putzlicht) zu empfehlen. Es kommt zwar als „gefälliger“ Popsong daher und mag dem ein oder anderen beim ersten Hören vielleicht nur ein „och“ aus dem Kommunikationsapparat herauskitzeln, wenn man es jedoch bewusst, mit einer Aufmerksamkeit, wie man sie beim Zwiebelschneiden aufzuwenden bereit ist, hört, offenbart sich eine tiefere Schönheit, die man vorher vielleicht verkannt hätte. Worin diese Schönheit liegt, möchte ich nachfolgend – auch musiktheoretisch (weil es Spaß macht) beschreiben. Hier das offizielle Video zur Einstimmung:

Ich habe den Song zunächst etwas überhört, da er auf Radioeins gefühlt in jedem Format in Grund und Boden gespielt wurde (der arme Song, darniedergewaltz von unsäglicher Repetition), weshalb ich zunächst einige Antipathien hegte. Doch dann, irgendwann, fiel auch mir endlich auf, dass dieser Song wirklich schöne Harmonien darbietet und sehr liebevoll instrumentalisiert ist. Bereits, wenn die ersten Klaviertöne erklingen, beginnt ein besonders schöner harmonischer Abschnitt der Strophe. Warum sich diese ersten Töne so harmonisch anhören:

Der Text weist einige sehr schöne Bilder auf und vermittelt eine leicht heitere Melancholie, die sich an der Banalität der Metapher des Putzlichtes bricht und dadurch andeutet, dass sie wahrscheinlich allgemeiner gemeint ist, für eine größere Sehnsucht und Traurigkeit steht. Zur Erklärung: Das Putzlicht geht an, wenn der Club dicht macht. Dennoch sind – wenn man ein Feieronkel oder eine Feiertante ist – auch diese Sehnsucht und Traurigkeit nachvollziehbar, die am Endes eines dionysischen Sauf- und Tanzabends entstehen und sich nicht minder dramatisch anfühlen können wie eine Erfahrung der Flüchtigkeit von Sinn. Nils Freverts sanfte Stimme entfaltet diese Gefühle gar wunderbar – da werde ich persönlich ganz wehleidig und muss ein wenig in meinen Hemdkragen heulen, aber lustvoll, mit mindestens 50% Freude über so ein viel zu seltenes, vielschichtiges Gefühl (sonst empfinde ich ja immer nur Spaß und Fun). Anbei der Text zum Selbstlesen:

[Verse 1]
In der Stunde der Tauben, der Stumme der Stunde
Discokugel, letzte Runde
Ein Schlager der im Hintergrund verhallt
Rausschmeißer, Schlussakkord

In der Dunkelheit zwischen den Stern’
Verlassene Wege, g’beugte Laternen
Wo die wachen Falter auseinanderschwirr’n
Surren der Neonröhren

[Chorus]
Und der Weg nach draußen ist so weit und leer
Schein’ herab auf mich
Ich stehe an der Schwelle
Und seh’ nicht wohin er führt
Und über mir erstreckt sich
Ein tiefer, blasser Himmel, oder Hölle
Schein’ herab auf mich
Und bring’ mich raus hier, Putzlicht

[Verse 2]
Alles vergeben, die Schminke verronn’
Nur noch sanftes Rauschen in die nächste Station
Weiße Kacheln in der U-Bahn Messehall’n
Rolltreppe, Sonnenaufgang

Mein Höhepunkt des Songs ist jedoch ein ganz spezifischer Part des Refrains und zwar wenn Frevert singt: „Schein herab auf mich“. Kurz zuvor findet eine ganz wundervolle Akkordprogression statt, die ich hier kurz beschreibe:

Das spannende an dieser Akkordfolge ist: Sie hört sich an, als steige sie auf, wie im Video beschrieben ist es jedoch zunächst ein herab und dann wieder ein Aufsteigen.

Exkurs: Falls wir die Tonart nicht als Edur sondern Cismoll klassifizieren, handelt es sich um die Akkordprogression: i -> VII -> III. Falls jemand also ein Kompositionsinteresse in Moll hat, kann er oder sie diese Progression ja mal anspielen.

Eine weitere schöne Angelegenheit ist schließlich das kurze instrumentelle Zwischenspiel (mit diesen wirklich schönen Trompeten, die auch im Refrain dezent und umschmeichelnd tönen) nach dem zweiten Refrain und dann noch mal ein Tonartwechsel und zwar von Cismoll hinauf zu Dismoll. Hier wird die Tonleiter um einen Ganztonschritt erhöht, was dem letzten Refrain noch einmal mehr Dynamik verleiht – die Stimme wird höher (die Instrumente natürlich dementsprechend auch), alles wird nochmal ein bisschen lauter und greift völlig ineinander, bis schließlich zum kurzen, demütigen Ausklang der Komposition.

Ein wirklich schönes Lied. Viel Spaß dabei!!

6 Kommentare zu „#Musiktheorie: Putzlicht – Nils Frevert

    1. wie das C diese schöne Dissonanz erzeugt das ist echt sehr spannend, ich mag das auch total, hab zwar keine Ahnung von Musik-Theorie aber ich höre sehr viel Musik und da fällt mir so was auch oft auf.

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      1. Ja, eine sehr schöne Dissonanz! Mir fällt sowas auch zumeist erstmal hörend auf, bis ich mir es genauer anschaue – was viel zu selten der Fall ist. Musiktheoretische Hintergründe finde ich spannend (was so ein kleines C doch so anstellen kann) und es freut mich, wenn das auch anderen gefällt. Daher werde das jetzt öfter mal machen.

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