#Showyourwork: Lyrischer Dilettantismus [der Befreiung]

Vor ca. einem Jahr, als ich wieder mehr Lyrik schreiben wollte, versuchte ich, einen Leitsatz für dieses Vorhaben zu entwickeln – eine poetologische Idee, wenn man so will. Also schrieb ich, mich etwas zu ernst nehmend in mein kleines Notizbüchlein:

„Ziel: Die Welt genauer zu beschreiben. Durch die Verdichtung von Worten einem Sachverhalt näher kommen. Eine Komplexitätsreduktion der Welt, der Ideen, von Sprache. Etwas durch den Druck der Reduktion erkennen, etwas Wesentliches. Es geht um die Erkenntnis, um die Anreicherung von Perspektive durch sprachliche Reduktion. Ein Stich ins Herz, der zu ausufernden Ideen führt.“

Seitdem habe ich keine Lyrik mehr geschrieben. Natürlich tauchten bei dieser Überlegung auch die uralten, nicht beantwortbaren Glaubensfragen auf: gibt es hinter der Sprache eine zu entdeckende, eine zu benennende Welt liegt? Oder ist es eher so, dass die Welt nicht mehr als Sprache ist und auch nicht mehr werden kann? Was sich sprachlich wiederum nicht feststellen lässt. Wie ließe sich etwas bedeuten, das außerhalb der Sprache liegt? Weiter kam ich dann auch nicht mehr.

Bis es mir vor ein, zwei Monaten doch gelang, einzelne Wörtchen aus mir herauszuwringen und in eine Form zu bringen. Dabei ist mir die Konstruktion der Form stets nur halb bewusst, weshalb meine Versuche in Lyrik dilettantisch sind, aber befreiend. Das heißt: Ich kann gut begründet sagen, dass ich kognitiv nicht viel von Lyrik verstehe und kein großes Wissen darüber habe (bis auf Versmaß, allgemeine Baupläne, blablu) und der Reiz der Lyrik für mich eher in in der Erforschung dieses nebulösen, menschlichen Zwischenvermögens liegt, das den Übergang von Gefühl zu Wort und umgekehrt gestaltet, aber nicht richtig zu fassen – ein Schemen bleibt.

So viel zu der Schaffensabsicht, wenn ich mich an Lyrik wage. Dementsprechend zeige ich euch nachfolgend, eines der kurzen Prosagedichte, die endlich mal wieder diesem putzigen Zwischenvermögen entsprangen. Vielleicht mögt ihr es. Vielleicht bringt es euch auf irgendeine Idee. Vielleicht ist es ein netter Zeitvertreib und vielleicht keine Zeitverschwendung. Beschreiben sollte es: einen Moment der konstruktiven Erkenntnis. Weiteres zur Schaffensabsicht im Anschluss.


Es reicht!

Alles ändert sich [zwecklos]

In einer Tour [an Dauer beständig]

Und wer dies nicht betrauert [beweint, bekniet]

– sondern Achtung[!]

hervorzubringen

ist [im Stande]

oder Zitat Olaf O.: „Das voll gut aushält“

der hat wahrscheinlich Sinn

im Übermaß und [in]

einer Ausdehnung

zur Verfügung [ob er es verdient oder nicht]

dass ihm alles genügt [oder er das zumindest glaubt]

was reicht


Schaffensabsicht: Jetzt wird es schwierig. Aber ich versuche mal zu rekonstruieren, was ich mir dabei gedacht habe und wie ich vorgegangen bin – vielleicht ist das der Leser*in ja nützlich: Prinzipiell beabsichtigte ich, das Thema „Demut in der (unaufhaltsamen) Veränderung aller Dinge“ irgendwie zu greifen und das möglichst konzentriert, möglichst wenig ausschweifend. Durch die zunächst unbewusste Verwendung meiner Lieblingsklammern [], ergab sich die Idee, ergänzende Wörter oder Halbsätze an die eigentlichen Zeilen anzuhängen. Das fühlte sich auch spannend an. Die Klammern bedeuten für mich prinzipiell: Jede Aussage besitzt eine weiterführende (präzisierende) Aussage, wodurch sich generell die Komplexität von Aussagen ergibt und während auf den Punkt gebrachte Aussagen den Reiz des Treffenden, des Genaurichtigen im richtigen Moment aufweisen, fehlt ihnen dennoch der Verweis auf das immer unausweichlich folgende (sei es Ergänzung oder Widerspruch). Dies ist eher der abstrakte Hintergedanke der Klammerverwendung. Im Gedicht selbst habe ich diesen nicht streng befolgt, sondern bin intuitiv vorgegangen. Also im Endeffekt folge ich beim Schreiben von Lyrik stets einem spontanen Gefühl des Gefallens oder Missfallens, während ich mich dann doch auch immer wieder dazu zwingen muss, Gründe für beides zu finden. Im Prinzip handelt es sich bei dem Gedicht um einen langen Satz und die Klammern sind ergänzende Satzelemente, die jedoch (durch die Klammerung) den rhythmischen Verlauf nicht gänzlich brechen, aber zumindest unterbrechen, wodurch Pausen möglich werden und Einschübe sich entfalten können (hoffentlich). Das Zitat von Olaf O. ist mein Tribut an die Banalität (aber gewissermaßen auch potentielle Schönheit) von Alltagssätzen. Ich finde die Brechung zwischen profaner Sprache und Sprache, die etwas tieferes aussagen möchte, immer wieder reizvoll – ein lustiger Widerstreit zwischen Positionen, die in ihrer Aussichtslosigkeit vielleicht gleichwertig sind. Eine wichtige Aussage des Gedichtes war: wer Veränderung nicht als Bedrohung, sondern als sich immer bietende (und da Veränderung unausweichlich ist auch unausweichliche) Möglichkeit verstehen kann, zu vergehen und erneut zu werden, der wird Befreiung erleben, von den Dingen, von der Angst, aber auch von der Veränderung selbst und auch wenn dies nur eine Illusion sein sollte, ist sie der Illusion des ständig wollenden und nicht haben könnenden Ichs wahrscheinlich vorzuziehen.

Ich hoffe, ihr hattet Spaß (oder andere Gefühle). Klauen ist natürlich wie immer erlaubt.

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